Baden-Württemberg (Bertelsmann-Stiftung/ms) Einsamkeit ist längst kein Randthema mehr. Laut der neuen Studie des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg betrifft sie Menschen aller Altersgruppen und Lebenslagen. Dauerhafte Einsamkeit kann das Wohlbefinden stark beeinträchtigen, die Gesundheit schwächen und sogar die Lebenserwartung verkürzen. Sie gilt inzwischen als wichtiger gesellschaftlicher Risikofaktor – ähnlich wie Bewegungsmangel oder Rauchen.
Einsamkeit ist nicht gleichzusetzen mit Alleinsein. Manche Menschen fühlen sich allein wohl, andere sind von Menschen umgeben und trotzdem einsam. Die Studie unterscheidet zwischen zwei Formen:
Emotionale Einsamkeit entsteht, wenn enge, verlässliche Bindungen fehlen – etwa zu vertrauten Freunden, Partnern oder Familienmitgliedern.
Soziale Einsamkeit beschreibt das Gefühl, keiner Gemeinschaft anzugehören. Sie kann auch dann auftreten, wenn Menschen objektiv viele Kontakte haben, sich aber unverstanden oder ausgeschlossen fühlen.
Einsamkeit kommt in allen Altersgruppen vor. Besonders betroffen sind junge Erwachsene sowie ältere Menschen. Während der Corona-Zeit haben sich die Werte bei vielen Altersgruppen deutlich erhöht. Damit ist klar: Einsamkeit ist kein reines Altersphänomen, sondern betrifft Menschen in jeder Lebensphase.
Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen den sozialen Gruppen.
Menschen mit niedrigem Bildungsniveau oder geringem Einkommen sind häufiger einsam.
Auch Personen in Teilzeit, Minijobs oder Arbeitssuche berichten deutlich öfter von Einsamkeitsgefühlen.
Wer gesundheitliche Einschränkungen hat, ist besonders gefährdet: Jeder fünfte mit schlechtem Gesundheitszustand fühlt sich stark einsam.
Menschen mit Migrationshintergrund erleben überdurchschnittlich oft Einsamkeit.
Unterschiede zwischen Stadt, Land und Vorstadt waren dagegen kaum messbar – Einsamkeit kann also überall entstehen.
Personen, die allein leben oder zur Miete wohnen, sind stärker betroffen als Menschen in stabilen Wohnverhältnissen oder im eigenen Haus. Besonders in Einpersonenhaushalten zeigen sich höhere Einsamkeitswerte. Eine feste Wohnsituation und soziale Einbindung wirken dagegen schützend.
Ein spannendes Ergebnis betrifft den Medienkonsum:
Menschen, die viel Zeit auf Plattformen wie TikTok oder X (Twitter) verbringen, fühlen sich häufiger einsam.
Nutzer von WhatsApp, BeReal oder Musikstreamingdiensten berichten dagegen seltener von Einsamkeit.
Digitale Kontakte können also sowohl verbinden als auch isolieren – je nachdem, wie sie genutzt werden.
Eine starke Verbundenheit zur Nachbarschaft wirkt laut Studie wie ein Schutzfaktor. Wer regelmäßig Kontakt zu Menschen im Umfeld hat, fühlt sich seltener einsam.
Auch ein fester Freundeskreis oder die Mitgliedschaft in einem Verein senken das Risiko.
Fehlt dieses Zugehörigkeitsgefühl, steigt die Wahrscheinlichkeit, sich isoliert zu fühlen – selbst wenn objektiv Menschen um einen herum sind.
Einsamkeit hat weitreichende Folgen. Sie kann zu psychischen Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Problemen und eingeschränkter Leistungsfähigkeit führen.
Darüber hinaus schwächt sie das Vertrauen in andere Menschen und Institutionen, senkt das politische Engagement und kann langfristig sogar den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.
Die Studie gibt konkrete Empfehlungen, um Einsamkeit vorzubeugen:
Begegnungsorte schaffen: Nachbarschaftstreffs, Stadtteilzentren oder Vereine stärken soziale Kontakte.
Niedrigschwellige Hilfsangebote: Kostenlose Beratungsstellen, mobile Teams oder Online-Beratungen können helfen, Hemmschwellen abzubauen.
Kommunen stärken: Lokale Projekte und Ehrenamtsinitiativen sollen gezielt gefördert werden.
Medienkompetenz ausbauen: Der bewusste Umgang mit digitalen Medien kann helfen, soziale Beziehungen zu erhalten.
Die Autorinnen und Autoren betonen, dass Einsamkeit kein rein privates Problem ist, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Nur durch das Zusammenspiel von Politik, Kommunen und Zivilgesellschaft lässt sich der soziale Zusammenhalt langfristig stärken.
Um neue Wege im Kampf gegen Einsamkeit zu finden, hat das Land Baden-Württemberg einen Ideenwettbewerb gestartet. Gesucht werden Projekte, Initiativen und kreative Konzepte, die Menschen zusammenbringen – ob im Alltag, im Quartier, in der Schule oder am Arbeitsplatz.
Das Ziel: Begegnung fördern, Isolation vorbeugen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Besonders gefragt sind praxisnahe Ideen, die sich leicht umsetzen lassen und auch in anderen Regionen als Vorbild dienen können.
Alle Ergebnisse und Grafiken findet ihr in der vollständigen Untersuchung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg: