Region (dk) – Nicht jede Behinderung ist auf den ersten Blick zu erkennen. Autismus, ADHS, Epilepsie, psychische Erkrankungen oder chronische Schmerzen können den Alltag stark beeinflussen – ohne dass Außenstehende etwas davon sehen. Zum Tag der unsichtbaren Behinderungen am 20. Oktober geht es deshalb auch um ein Symbol, das immer bekannter wird: die Sonnenblume auf grünem Hintergrund.
Unsichtbare Behinderungen sind Einschränkungen, die einem Menschen nicht sofort anzusehen sind. Mohammed Zakzak, Inklusionsbeauftragter der Stadt Pforzheim, nennt unter anderem Autismus, ADHS, Epilepsie, psychische Erkrankungen, chronische Schmerzen sowie Hör- oder Sehbeeinträchtigungen. Auch Reizüberflutung könne Menschen im Alltag stark einschränken.
Das Problem dabei: Weil die Behinderung nicht sichtbar ist, wird der Unterstützungsbedarf häufig nicht erkannt.
„Nur weil man eine Behinderung nicht sieht, heißt das nicht, dass sie den Alltag nicht stark beeinflusst oder einschränkt“, macht Zakzak deutlich.
Menschen mit einer unsichtbaren Behinderung brauchen möglicherweise mehr Zeit, eine Pause oder Unterstützung in Situationen mit vielen Reizen. Für Außenstehende ist das aber nicht immer nachvollziehbar.
Zakzak erlebt in seiner Beratung immer wieder, dass Betroffenen nicht geglaubt wird oder sie sich rechtfertigen müssen. Das könne im Bus, beim Arzt, bei Behörden, am Arbeitsplatz, in der Schule oder auch im Freundeskreis passieren.
„Leider ist es oft so: Menschen mit einer unsichtbaren Behinderung müssen manchmal regelrecht erklären oder sogar beweisen, warum sie Unterstützung brauchen“, sagt er.
Wie schnell daraus schwierige Situationen entstehen können, schildert Zakzak anhand eines Falls aus seiner Arbeit.
Eine Frau mit Epilepsie sei mit einem Assistenzhund unterwegs gewesen. Als sie medizinische Hilfe brauchte, sei der Hund zunächst in ein Tierheim gebracht worden, weil ihre Behinderung nicht erkannt beziehungsweise ihr nicht geglaubt worden sei. Zakzak wurde später in den Fall eingeschaltet.
Für ihn zeigt das, wie belastend es sein kann, wenn Außenstehende nicht wissen, dass ein Mensch besondere Unterstützung braucht.
Genau hier setzt das Sonnenblumen-Symbol an.
Eine gelbe Sonnenblume auf grünem Hintergrund kann darauf hinweisen, dass eine Person eine nicht sichtbare Behinderung oder Erkrankung hat und möglicherweise etwas mehr Zeit, Geduld, Verständnis oder Unterstützung braucht.
Wichtig dabei: Das Symbol verrät nicht, welche Behinderung ein Mensch hat. Eine Diagnose muss dadurch auch nicht erklärt werden.
Zakzak beschreibt es als freiwilliges Zeichen, das Betroffenen helfen kann, sich im Alltag nicht ständig rechtfertigen zu müssen.
Auch der Verein Selbstbestimmt Autistisch aus Linkenheim beschäftigt sich intensiv mit dem Thema.
Vorständin Konstanze Klüglich berichtet, dass sich das Sonnenblumenband gerade in Deutschland zunehmend verbreitet. Für sie geht es dabei ausdrücklich nicht darum, sich Vorteile zu verschaffen.
Vielmehr soll das Band signalisieren, dass ein Mensch möglicherweise „etwas mehr Verständnis, Rücksichtnahme und vielleicht mal zwei Minuten mehr Zeit“ benötigt – etwa im Supermarkt, in der Bahn, bei der Post oder am Flughafen.
Der Verein bietet entsprechende Sets auch selbst an. Dazu gehören nach Angaben von Klüglich sowohl das Band als auch ein Ausweis. Die Sets werden im Rahmen eines Beschäftigungsprojekts von autistischen Menschen selbst organisiert und verschickt.
Weitere Informationen gibt es auf der Seite des Vereins.
Das Sonnenblumenband hat eine andere Funktion als ein Schwerbehindertenausweis.
Klüglich beschreibt den Ausweis als rechtliches Instrument. Das Sonnenblumenband setze dagegen stärker auf gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme im Alltag.
Es soll also vor allem sichtbar machen: Hier könnte jemand Unterstützung benötigen, obwohl man die Ursache dafür nicht sehen kann.
Wer bei einem Menschen das Sonnenblumenband sieht, muss ihn nicht besonders behandeln.
Zakzak nennt vor allem drei Punkte: respektvoll, rücksichtsvoll und aufmerksam sein. Es gehe nicht darum, Menschen herauszustellen, sondern aufmerksam für ihre Bedürfnisse zu sein.
Das kann zum Beispiel bedeuten, im Bus einen Sitzplatz anzubieten oder zu fragen, ob Unterstützung gebraucht wird.
Auch Klüglich rät dazu, Menschen ruhig anzusprechen, statt aus Unsicherheit gar nichts zu tun. Man könne etwa fragen, ob Hilfe beim Ein- oder Aussteigen, beim Tragen oder in einer anderen konkreten Situation gewünscht sei.
Für Zakzak ist entscheidend, dass sich der Blick auf Behinderung verändert.
„Wir sollen nicht immer zuerst fragen ‚Was hat dieser Mensch‘ oder ‚Warum kann er das nicht?‘ Die bessere Frage ist für mich immer ‚Was braucht dieser Mensch, damit er teilhaben kann am Leben, an der Gesellschaft?’“
Sein Fazit: Inklusion betreffe nicht nur Rampen oder Aufzüge. Auch Menschen mit nicht sichtbaren Einschränkungen stoßen im Alltag auf Barrieren.
„Nicht jede Behinderung ist sichtbar. Aber die Barrieren, die die Menschen erleben, sind trotzdem real und da.“