Baden-Württemberg (dpa/dk) – Cyberangriffe, Sabotage und Extremwetter setzen Stromnetze zunehmend unter Druck. Baden-Württemberg will deshalb den Netzausbau beschleunigen und die Infrastruktur widerstandsfähiger machen. Eine neue Task Force soll dabei helfen – und Netze BW plant Investitionen in Milliardenhöhe.
Die Landesregierung will im Herbst gemeinsam mit Netzbetreibern, Verbänden und Kommunen eine Task Force Netzausbau starten.
Ziel ist es, die Kapazitäten im Stromnetz zu erhöhen und dadurch Engpässe auch in Extremsituationen besser vermeiden zu können.
Nach Angaben des Umwelt- und Energieministeriums sollen bereits in den kommenden Monaten die verfügbaren Netzanschlusskapazitäten in Engpassgebieten deutlich steigen.
Auch beim eigentlichen Ausbau soll es schneller gehen. Derzeit rechnen Netzbetreiber teilweise mit Zeiträumen von rund zehn Jahren. Diese Dauer soll deutlich verkürzt werden. Vorgesehen sind Maßnahmen mit einem Zeithorizont von fünf bis sieben Jahren.
Netze BW, der größte Verteilnetzbetreiber in Baden-Württemberg, will bis 2045 mehr als 35 Milliarden Euro investieren.
Geplant sind unter anderem:
Ein wichtiger Punkt ist dabei die sogenannte Redundanz. Fällt eine wichtige Leitung oder Anlage aus, soll der Strom möglichst über andere Leitungen weitertransportiert werden können.
„Da ändert sich was da draußen“, sagt Richard Huber von Netze BW. „Es ändert sich die Gesellschaft, es ändert sich die Bedrohungslage.“
In Deutschland gab es zuletzt mehrere Angriffe auf Umspannwerke und andere Energieanlagen. Ermittler gehen bei verschiedenen Fällen in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Sachsen und auch Reutlingen von vorsätzlichen Taten aus.
Auch in Baden-Württemberg gibt es Hunderte wichtige Knotenpunkte im Stromnetz.
Sadeeb Ottenburger forscht am Karlsruher Institut für Technologie zur Resilienz kritischer Infrastrukturen. Er warnt davor, die Verwundbarkeit oberirdischer Anlagen zu unterschätzen.
„Alles, was oberirdisch ist, ist natürlich immer vulnerabel gewesen. Aber jetzt merken wir auch, wie schnell und einfach man mit einer 50-Euro-Drohne und einem Kupferkabel massiv Schaden erzeugen kann“, sagt Ottenburger.
Weiter sagt er: „Man braucht nicht viel Technologie, um so einen Schaden anzurichten. Da brauche ich noch nicht mal Experte zu sein, weil die Infrastruktur schlicht offen liegt.“
Trotz der neuen Risiken bleibt die Versorgung in Baden-Württemberg nach Angaben von Netze BW sehr stabil.
Im Jahr 2025 war die Stromversorgung im Durchschnitt rund 14 Minuten pro angeschlossenem Verbraucher unterbrochen. Auch die Bundesnetzagentur verweist darauf, dass das deutsche Stromnetz zu den zuverlässigsten in Europa gehört.
Ottenburger warnt allerdings davor, sich allein auf solche Werte zu verlassen.
Der sogenannte SAIDI-Wert zeigt vor allem, wie zuverlässig die Stromversorgung in der Vergangenheit war. Naturgefahren werden bei dieser Berechnung herausgerechnet.
Für die Frage, wie gut das Netz künftig mit Sabotage, Terrorismus, hybrider Kriegsführung, Extremwetter oder Cyberangriffen umgehen kann, sei dieser Wert deshalb nur bedingt aussagekräftig.
Durch die zunehmende Digitalisierung entstehen nach Einschätzung des Forschers außerdem neue Angriffsmöglichkeiten. Gleichzeitig könnten Stromausfälle künftig größere Folgen haben, weil immer mehr Bereiche – etwa der Verkehr – elektrifiziert werden.