Kronenplatz-Effekt

So will das KIT Karlsruhes Innenstadt fit für die Hitze machen

25. Oktober 2026 , 08:26 Uhr

Karlsruhe (pm/ms) – Wer im Hochsommer schon einmal über einen komplett aufgeheizten Innenstadtplatz gelaufen ist, kennt das Problem: Kaum Schatten, heißer Boden und die Wärme scheint von allen Seiten zu kommen. Wie solche Orte künftig angenehmer werden können, untersucht das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) derzeit direkt in der Karlsruher Innenstadt.

Beim Projekt „Kronenplatz-Effekt“ dient der Kronenplatz als reales Versuchsfeld. Forschende wollen herausfinden, welche Maßnahmen gegen starke Hitzebelastung tatsächlich funktionieren – und wie öffentliche Plätze trotz steigender Temperaturen Orte bleiben können, an denen sich Menschen gerne aufhalten.

Der Kronenplatz steht stellvertretend für viele deutsche Innenstädte

„Der Kronenplatz in Karlsruhe steht exemplarisch für viele heiße Plätze in ganz Deutschland“, erklärt Dr. Hans Schipper vom Süddeutschen Klimabüro am KIT.

Gerade dicht bebaute Innenstädte können sich während längerer Hitzeperioden stark aufheizen. Große versiegelte Flächen und bestimmte Materialien nehmen viel Wärme auf und geben diese teilweise noch lange wieder ab.

Doch nicht jeder Bereich eines Platzes ist gleich heiß. Schon Schatten, Begrünung oder die Beschaffenheit des Untergrunds können einen deutlichen Unterschied machen.

Zehn Sensoren messen Temperatur und Luftfeuchtigkeit

Um diese Unterschiede möglichst genau untersuchen zu können, hat das Forschungsteam auf dem Kronenplatz ein Messnetz aus zehn Sensoren installiert.

Erfasst werden unter anderem die Temperatur und Luftfeuchtigkeit. So können die Forschenden vergleichen, wie sich unterschiedliche Bereiche des Platzes entwickeln und welchen Einfluss beispielsweise Schatten oder Begrünung auf das Mikroklima haben.

Dabei geht es nicht nur um die reine Lufttemperatur. Entscheidend ist auch, wie stark sich einzelne Materialien und Oberflächen aufheizen und wie Menschen die Hitze tatsächlich wahrnehmen.

Mehr Grün und Schatten statt aufgeheizter Flächen

Eine Erkenntnis ist für Hans Schipper eindeutig: Begrünung hilft.

Auch für private Gärten hat der Klimaexperte einen klaren Rat:

„Grün ist gut, ein Kiesgarten ist nicht gut. Das kühlt nicht ab.“

Neben Pflanzen spielt vor allem Schatten eine wichtige Rolle. Im eigenen Garten könne deshalb beispielsweise geprüft werden, ob zusätzliche Bäume, mehr Grün oder auch ein Sonnensegel für Abkühlung sorgen können.

Was im Kleinen für den eigenen Garten gilt, ist auch für öffentliche Plätze relevant. Auf dem Kronenplatz wurden bereits erste Maßnahmen getestet. Im Rahmen eines Studierendenseminars kamen dort unter anderem innovative Schattenelemente aus Stoff zum Einsatz.

Es gibt nicht die eine Lösung für jede Stadt

Einfach überall ein paar Bäume zu pflanzen, reicht allerdings nicht. Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt immer vom jeweiligen Ort ab.

Genau deshalb verbindet das Projekt unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven. Nach Angaben von Hans Schipper basiert der „Kronenplatz-Effekt“ auf drei Säulen.

Zum einen werden Wetter- und Klimadaten untersucht. Hinzu kommt die sozialwissenschaftliche Perspektive: Wo bewegen sich Menschen auf dem Platz? Welche Bereiche suchen sie auf? Was empfinden sie als angenehm – und wo ist die Belastungsgrenze erreicht?

Die dritte Säule beschäftigt sich schließlich mit der Frage, welche baulichen und technischen Maßnahmen an einem bestimmten Ort tatsächlich umgesetzt werden können.

Erst durch die Verbindung dieser drei Bereiche könne eine Stadt langfristig lebenswerter gestaltet werden.

Hitze ist nicht nur ein Wetterproblem

Ein wichtiger Punkt des Projekts: Hitze in der Stadt ist nicht allein eine meteorologische Frage.

„Eine Hitzewelle ist nicht nur ein meteorologisches Ereignis“, sagt Schipper. Sie sei gleichzeitig auch ein soziales Ereignis.

Denn Menschen reagieren unterschiedlich auf hohe Temperaturen. Während die einen problemlos einen schattigen Ort aufsuchen oder ihre Tagesplanung ändern können, sind andere deutlich stärker auf bestimmte öffentliche Räume angewiesen.

Für die Forschenden ist deshalb wichtig, nicht nur Messwerte zu betrachten, sondern auch zu untersuchen, wie Menschen einen Platz nutzen und wie sie Hitze wahrnehmen.

Aus diesem Grund ist am Projekt unter anderem auch das Institut für Regionalwissenschaft des KIT beteiligt.

Klimaanpassung muss schon bei der Planung beginnen

Viele Städte haben das Problem zunehmender Hitze mittlerweile erkannt. Allerdings geht es aus Sicht der Forschenden nicht nur darum, bereits bestehende Plätze im Nachhinein umzubauen.

Klimaanpassung soll möglichst früh berücksichtigt werden – also bereits bei der Planung und Gestaltung neuer öffentlicher Räume.

So können beispielsweise Schattenmöglichkeiten, Begrünung, Materialien und Aufenthaltsbereiche von Beginn an so geplant werden, dass Plätze auch während heißer Sommer nutzbar bleiben.

Forschende beziehen Bürgerinnen und Bürger mit ein

Das Projekt findet dabei nicht ausschließlich im wissenschaftlichen Umfeld statt.

Über die mobile Wissenstransfer-Infrastruktur „corner <science> to meet you!“ und bei Veranstaltungen wie DAS FEST haben Forschende und die Stadt Karlsruhe ihre Ideen auch mit Bürgerinnen und Bürgern diskutiert.

Die Erfahrungen und die Wahrnehmung der Menschen vor Ort spielen schließlich ebenfalls eine Rolle bei der Frage, welche Maßnahmen tatsächlich funktionieren.

Erkenntnisse sollen auch anderen Städten helfen

Der Kronenplatz dient damit gewissermaßen als Freiluftlabor mitten in Karlsruhe.

Aus den Messdaten und Beobachtungen wollen die Wissenschaftler konkrete, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für Kommunen entwickeln. Die Erkenntnisse sollen dabei ausdrücklich nicht nur Karlsruhe zugutekommen.

Das langfristige Ziel ist eine klimaresiliente Gestaltung öffentlicher Räume, deren Erkenntnisse auch auf andere Städte übertragen werden können.

Am Projekt beteiligt sind neben dem Süddeutschen Klimabüro weitere Bereiche des KIT, darunter der Bereich IV – Natürliche und gebaute Umwelt, das TRIANGEL Transfer | Kultur | Raum sowie die Schleicher-Stiftung in Kooperation mit der KIT-Stiftung.

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