Pflege ist Zukunft – Karlsruher AWO schickt Postkarten an Karl Lauterbach

12. Mai 2023 , 06:00 Uhr

Region (lea) – „Finanzierung, Wertschätzung, Bürokratieabbau – weil Pflege Zukunft braucht“. Unter diesem Motto wendet sich die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Karlsruhe anlässlich des Tags der Pflege am 12. Mai an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Und nennt Vorschläge und Forderungen für eine grundlegende Erneuerung des Pflegesystems. Diese Forderungen finden sich neben Plakaten und Bannern auch auf Postkarten, die dem Minister zugesendet werden sollen. Dadurch soll der Pflege Gehör verschafft werden.

Postkarten an Karl Lauterbach

An der Postkartenaktion kann sich jeder beteiligen, erklärt Clarissa Simon. Sie ist zuständig für den Geschäftsbereich Gesundheit und Pflege der AWO: „In allen unseren Pflegeeinrichtungen liegen Karten aus. Die müssen nur noch unterschrieben und in den dort stehenden Kasten geworfen werden.“ Auch in der Geschäftsstelle der AWO und in öffentlichen Institutionen können die Karten gezeichnet werden. Eine Briefmarke zum Absenden ist nicht nötig – darum kümmert sich die AWO. „Von der Kampagne erhoffen wir uns Öffentlichkeit“, erklärt Simon. Die Aktion sei zwar klein, könne aber bei einer hohen Beteiligungsquote viel bewegen.

Pflegeversicherung in aktueller Form nicht mehr zeitgemäß

„Sehr geehrter Herr Bundesminister Prof. Dr. Lauterbach, zum Tag der Pflege fordere ich neue Wege“, lauten die ersten, rot gefärbten Zeilen der vorgedruckten Postkarte. In drei knappen Absätzen werden die Forderungen zur Finanzierung, Wertschätzung und dem Bürokratieabbau aufgeführt. Simon erläutert: „Die Menschen brauchen zunehmend pflegerische Versorgung, denn sie werden hochaltriger.“ Diesem Trend werde die aktuelle Finanzierung der Pflege nicht gerecht.

Eigenbeteiligung treibt in die Sozialhilfe

Mitte der 90er wurde die Pflegeversicherung, also das „Gesetz zur sozialen Absicherung des Risikos der Pflegebedürftigkeit“, eingeführt. Oft wird das System als „Teilkaskoversicherung“ bezeichnet. Das heißt, dass die Versicherung Zuschüsse zu Pflegeleistungen zahlt. Und genau das muss sich ändern, findet Simon: „Das System ist eine riesige Belastung für die Menschen, die gepflegt werden müssen.“ Die Eigenbeteiligung sei hoch. „Heimbewohner müssen heute schon durchschnittlich 2.500 Euro selbst beisteuern. Das kann sich das Gro der Bevölkerung nicht leisten“, so die Expertin weiter. Immer mehr Menschen müssten für die Pflege ihre Ersparnisse aufbrauchen. Viele würden infolgedessen Sozialhilfe in Anspruch nehmen. „Das wiederum belastet die Kassen der Kommunen. Es braucht also neue Wege.“

Die AWO fordert daher eine Vollkaskofinanzierung. „Da gibt es unterschiedliche Modelle, das zu finanzieren“, so Simon: „Zum Teil steuerfinanziert, oder durch kombinierte Beitragszahlung.“ Hauptsache, das Finanzierungssystem werde reformiert. „Denn sonst werden die Beitragszahler immer weiter zur Kasse gebeten.“

Mehr als Applaus gefragt

„Applaus ist schön, aber nicht alles“, stellt Simon fest und muss lachen. Während der Hochphasen der Coronapandemie standen Pflegekräfte im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Es wurde von Balkonen applaudiert, Krankenhausmitarbeiter bekamen Kuchen und kleine Geschenke. „Wir bräuchten aber auch flexiblere Arbeitszeitmodelle, die Pflege muss attraktiver werden“, so die Gesundheitsbeauftragte der AWO. Die Wertschätzung der Pflege müsse für die Mitarbeiter in dieser Branche spürbar werden. Oder, wie Simon sagt, „menschenfreundlicher“. Sie kann sich die Einführung der 35-Stunden-Woche vorstellen. Und eine Aufweichung der bisher starren Schichtsysteme. „Neben einer guten Bezahlung führt das auch zu weniger psychischen Belastungen bei den Mitarbeitern.“ Und so könne man vielleicht wieder mehr Menschen für den Pflegeberuf begeistern.

Mehr Zeit zum Pflegen, weniger Papierkram

„Bürokratieabbau“ steht fett unterlegt als letzter Punkt auf der Postkarte an den Bundesgesundheitsminister. Darunter fordert die AWO mehr Eigenverantwortlichkeit für Pflegekräfte und weniger Dokumentation. „Das soll nicht heißen, dass wir Dokumentation ablehnen“, räumt Simon ein. Die sei zwar äußerst wichtig. Nehme aber zu viel Zeit ein. „Die Pflegekraft hat den Beruf gewählt, weil sie pflegen möchte. Und nicht dokumentieren.“

Im Durchschnitt benötigten die Pfleger täglich eineinhalb bis zwei Stunden, allein für das Dokumentieren ihrer Arbeit. „Das ist eine wahnsinnige Belastung“, seufzt Simon. Und es gehe auf Kosten der Interaktion mit den Pflegebedürftigen. „Wenn man das Ganze komprimieren könnte, hätte man schon viel gewonnen.“ Denn ein Pflegevertrag mit 70 Seiten, das könne einfach nicht sein.

Internationaler Tag der Pflege weckt Hoffnung

Bis Anfang Juni können Interessierte durch die Postkarten ihre Solidarität bekunden. Und auch der Internationale Tag der Pflege macht auf die unerlässliche Arbeit der Pflegekräfte aufmerksam. In Deutschland arbeiten rund 2 Millionen Menschen in Pflegeberufen. Weltweit sind es circa 28 Millionen Menschen, die ihre Arbeit täglich dem Wohlergehen anderer widmen. Am 12. Mai steht diese Berufsgruppe im Vordergrund. Und das seit mehr als 50 Jahren. Der Tag der Pflege fällt auf den Geburtstag der britischen Krankenschwester Florence Nightingale. Sie gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege.

Und auch Clarissa Simon hofft, die Pflege in Deutschland durch die Forderungen der AWO und anderen Verbänden wieder zum Pionierprojekt machen zu können.

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