Nach Corona wieder mehr Prostiutierte im Südwesten

07. November 2023 , 14:07 Uhr

Stuttgart (lea/dpa) – Die Zahl der Prostituierten in Baden-Württemberg ist sprunghaft angestiegen. Laut Statistischem Landesamt waren zum Jahresende 2022 im Südwesten 26 Prozent mehr in der Prostitution Tätige angemeldet als im Vorjahr, nämlich knapp 3500. Auch das Polizeipräsidium Karlsruhe vermeldet eine Steigerung – auf „Vor-Corona-Niveau“ befinde man sich aber nicht. Das ist aber nicht überall in der Region so: In Pforzheim beispielsweise hat sich die Zahl der Prostituierten nicht nennenswert verändert.

Zahl in Pandemie eingebrochen

Ende 2019 waren den Angaben des Statistischen Landesamts zufolge circa 5000 in der Prostitution tätige Menschen angemeldet. Im ersten Jahr der Pandemie brach die Zahl dann fast um die Hälfte ein. Den kräftigen Anstieg im vergangenen Jahr führe man auf die Lockerungen der pandemiebedingten Beschränkungen zurück, teilt das Amt mit. Die meisten der angemeldeten Prostituierten haben eine ausländische Staatsangehörigkeit – am häufigsten sind die rumänische, bulgarische und spanische. Nur jede sechste gemeldete Person in der Prostitution ist deutsch.

Verlagerung hin zur Wohnungsprostitution

„Wir beobachten die Lage aufmerksam“, betont Matthias Günzel. Der stellvertretende Leiter des Karlsruher Ordnungsamts erklärt: „Aktuell sind es wohl in Summe ungefähr 15 bis 25 Prostituierte im Bereich der Straßenprostitution in Karlsruhe; die Zahl schwankt.“ Dem Polizeipräsidium Karlsruhe sei außerdem aufgefallen, dass in der Zwischenzeit eine Verlagerung von der Straßen- hin zur Wohnungsprostitution stattgefunden habe.

Straßenprostitution in Karlsruher Innenstadt verboten

In Karlsruhe regelt die sogenannte Sperrbezirksverordnung, wo Prostituierte arbeiten dürfen. Weite Teile der Innenstadt sind beispielsweise für dieses Gewerbe gesperrt. „Im übrigen Bereich des Stadtgebietes ist Straßenprostitution zulässig, aber zeitlich eingeschränkt: nur im Zeitfenster von 22 bis 6 Uhr.“

Probleme mit Anwohnern gebe es auch in den nicht gesperrten Bereichen kaum bis gar nicht. „Aber wir hatten in den letzten Wochen und Monaten Probleme, Kritik auch im Bereich von Durlach. Dort hat sich ja auch diese Bürgerinitiative gemeldet. Da hatten wir insbesondere Problemlagen, was Vermüllung anbelangt“, erinnert sich Günzel. Dem sei man durch das Aufstellen zusätzlicher Müllbehältnisse begegnet. „Und auch die Reinigung wurde in diesem Bereich erhöht“.

Pforzheim: Es gibt kein Rotlichtviertel – Sexarbeit findet überall statt

Ein etwas anderes Bild zeichnet sich in Pforzheim ab: Claudia Jancura ist Sozialarbeiterin und leitet die Fachberatungsstelle „Aspasia“, die sich an Sexarbeitende wendet. Egal, ob es um Steuern, einen Kindergartenplatz oder Gewalt während der Arbeit geht – das Angebot der Stelle deckt nahezu alle Lebensbereiche ab. Pforzheim, sagt Jancura, lasse sich nur schwer mit Karlsruhe vergleichen.

„Wir haben nicht ein oder zwei Straßen, wie in Karlsruhe oder Stuttgart zum Beispiel. Wir haben auch keinen Straßenstrich, das war früher so“, erläutert sie. Vielmehr finde Prostitution in der gesamten Stadt verteilt statt. „Das heißt, wir haben eher kleinere Etablissements, also es sind eher kleine Terminwohnungen und wenig größere Häuser, und die sind überall verteilt. Es gibt kein Rotlichtviertel.“

Dass Sexarbeit in Pforzheim primär „versteckt“ ablaufe, sei aber gar nicht so schlecht, findet die Expertin. „Denn das bedeutet auch eine gewisse Sicherheit für die Prostituierten.“ Die Kunden müssten Termine vereinbaren – spontan nach dem Feiern und möglicherweise unter Drogeneinfluss noch einen „Abstecher“ zu einer Prostituierten mache, sei nahezu ausgeschlossen. „Aber das ist eher meine persönliche Meinung“, erklärt sie.

Bisher kein Anstieg in Pforzheim spürbar

Dass die Zahl der Prostituierten bundesweit angestiegen ist, merkt Jancura bei ihrer Arbeit nicht. „Manche sind nach Corona auch in andere Städte gegangen, also gar nicht nach Pforzheim zurückgekommen. Bei uns hat sich die Zahl nach der Pandemie daher verringert. Auch wenn sich die Häuser jetzt langsam wieder füllen.“ Man müsse abwarten, ob der leichte Anstieg dazu führe, dass letztlich mehr Prostituierte als vor der Pandemie in Pforzheim arbeiten würden.

Rutsch in die Illegalität

Mit Sorge beobachtet Jancura hingegen, dass die Prostitution in Pforzheim immer weiter in die Illegalität abrutsche: „Also, es hat sich verlagert und es sind mehr kleinere Wohnungen und auch Airbnb-Wohnungen werden angemietet für Sexarbeit, wo wir zum Beispiel in der sozialen Arbeit keinen Zugang haben und auch die Polizei oft nur durch eben Kontrollen dahin kommt.“ An verlässliche Zahlen zu kommen, sei daher schwierig. „Wir wissen nicht, ob der Bereich sich vergrößert.“

Kontinuierlicher Austausch und Vernetzung

Bei ihren Hilfs- und Beratungsangeboten setzt die Beratungsstelle auf kontinuierlichen Austausch: „Wir gehen mit den Frauen ins Gespräch. Fragen immer, wie es ihnen geht, wie die aktuelle Arbeit ist und wie die Situation aussieht“, sagt Jancura. Gebe es konkrete Anliegen, würden diese zum Beispiel am Runden Tisch besprochen, an dem auch Politiker teilnähmen, „die da vielleicht auch was ändern können.“

Darüber hinaus ist sie froh, dass die Zusamnenarbeit zwischen den Beratungsstellen gut funktioniert. Denn die Sexarbeitenden seien sehr mobil. „Das heißt, die sind einige Wochen in Pforzheim, gehen dann wieder nach Karlsruhe und deshalb vernetzen wir uns“, erklärt die Sozialarbeiterin. Zum Glück gebe es nicht nur in Pforzheim sondern in den meisten anderen großen Städten ebenfalls Beratungsstellen für Prosituierende.

Es gibt das Prostituiertenschutzgesetz, wo eben der Schutz im Vordergrund stehen soll. Und da sind wir auch in sehr engem Austausch mit dem Amt für öffentliche Ordnung. Und wir schauen auch bei der aufsuchenden Arbeit, wenn wir irgendwie was mitbekommen, was ungut läuft, oder dass vielleicht ein Sicherheitssystem nicht so gut geregelt ist, oder vielleicht schon eine Gewalttat oder sonst irgendwas war, dann geben wir das immer weiter, sodass das Amt für öffentliche Ordnung und die Polizei dahinter hersind, dass sich da was ändern muss, dass das einfach wieder sicherer wird. Und ansonsten, ja, gehen wir eben mit den Frauen ins Gespräch. Fragen immer, wie es ihnen geht, wie die aktuelle Arbeit ist und wie die Situation aussieht und wenn es konkrete Anliegen gibt, die auch weiterzutragen, zum Beispiel an unseren Runden Tisch, wo eben auch Politiker*innen mit dabei sind, die da vielleicht auch was ändern können.

Es gibt mittlerweile zum Glück auch in anderen Städten solche Beratungsstellen. Also ja, wir haben während Corona versucht, da flächendeckend ne Hilfe und Unterstützung zu bieten und da hat uns auch das Sozialministerium unterstützt und Projekte ins Leben gerufen, die auch für andere Zielgruppen bestimmt sind. Wir sind da sehr enge Austausch, weil Sexarbeitende sehr mobil sind. Das heißt, die sind einige Wochen in Pforzheim, gehen dann wieder nach Karlsruhe und deshalb vernetzen wir uns. Deshalb gibt es zum Glück nicht nur in Pforzheim sondern in den meisten anderen großen Städten solche Beratungsstellen für Prosituierende

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