Enzklösterle (dk) – Ein kleiner Praktikant auf vier staksigen Beinen sorgt derzeit im Rathaus von Enzklösterle für jede Menge Lacher: Lämmchen Henry begleitet Bürgermeisterin Sabine Zenker zu Terminen, Sitzungen und durch den Arbeitsalltag. Der Grund ist allerdings nicht nur süß, sondern auch ernst: Henry wurde kurz nach der Geburt von seiner Mutter getrennt und nicht mehr angenommen.
Bürgermeisterin Sabine Zenker hält privat mehrere Schafe. Als Henry geboren wurde, kamen mehrere unglückliche Umstände zusammen. Nach einem Milanangriff auf die Herde sei viel Unruhe entstanden. Etwa zur gleichen Zeit bekam Henrys Mutter Zwillinge.
„Henry ist leider der blökenden Herde hinterher, das heißt er wurde von seiner Mutter getrennt“, erzählt Zenker. Weil die Bindung zwischen Mutterschaf und Lamm kurz nach der Geburt nicht richtig zustande gekommen sei, habe die Mutter Henry später nicht mehr akzeptiert.
Zenker versuchte noch, die Mutter wieder an das Lamm heranzuführen. Doch das klappte nicht. „Der arme Henry wäre sonst verhungert. Deswegen habe ich ihn dann bei mir aufgenommen.“
Am Anfang sei gar nicht klar gewesen, welche Konsequenzen die Entscheidung haben würde. Für Zenker war Henry zunächst einfach ein sehr lautes, sehr süßes Wollknäuel, das Hilfe brauchte.
Schnell zeigte sich aber: Henry sieht in der Bürgermeisterin seine Adoptivmama. Seitdem folgt er ihr auf Schritt und Tritt. Alle zwei Stunden bekommt er ein Fläschchen. Auch nachts.
„Für mich gab es eigentlich keine Wahl, dass Henry einfach mitkommt“, sagt Zenker. Inzwischen war das Lämmchen schon bei Gemeinderatssitzungen, Trauungen und sogar bei einer Mitgliederversammlung vom Auerhuhn im Schwarzwald e.V. in Freiburg dabei.
Im Rathaus ist Henry längst Gesprächsthema und kleiner Star. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lieben den flauschigen Kollegen mit dem blauen Halstuch. Auch bei Außenterminen sorgt er für Erstaunen und Begeisterung.
„Wenn Henry durch das Rathaus galoppiert, muss man einfach lachen“, sagt Zenker. „Henry macht unseren Alltag sehr besonders.“
Auch im Interview beschreibt die Bürgermeisterin ihn liebevoll: „Er ist tatsächlich ein kleines Lämmchen und ist ein richtiger Charmebolzen.“ Henry wickle die Menschen schnell um den Finger und sorge „durchweg für gute Laune und viel Spaß bei der Arbeit“.
Ganz unkompliziert ist der Alltag mit Henry allerdings nicht. Das Lämmchen knabbert alles an, was nicht niet- und nagelfest ist. Im Rathaus wurden deshalb Steckdosen abgeklebt und Zimmerpflanzen in Sicherheit gebracht.
Außerdem ist Henry nicht stubenrein. Zenker nimmt das gelassen. „Der Henry ist leider nicht stubenrein. Er ist sozusagen ein Auslaufmodell und pinkelt leider überall, wo er steht und geht“, sagt sie.
Mit Feuchttüchern, Küchenpapier und Teppichreiniger lasse sich das aber lösen. Auch in der Kinderbetreuung Heidelbärchen war Henry schon dabei. Dort fraß er ein Bild an, nagte an Plastikfolie, nuckelte an einer Gießkanne und pinkelte auf den Boden. Die Kinder waren trotzdem begeistert.
Bei Terminen hilft es, Henrys Tagesrhythmus zu kennen. Er bekommt Auslauf, frisst Gras oder bekommt sein Fläschchen. Danach schläft er meist eine Weile.
„Dann nutze ich immer die Phase für intensive Gespräche oder da, wo er nicht so allzu bunt herumspringen sollte“, erklärt Zenker. Wenn niemand mit ihm spielt oder ihn dazu auffordert, verhalte er sich meistens ruhig.
Erziehen lässt sich Henry allerdings nur begrenzt. Einen Hund könne man „Sitz“ oder „Platz“ beibringen, sagt Zenker. Henry dagegen sei „völlig frei in seiner Interpretation, seiner Bewegungsphase“. Er komme vor allem dann, wenn er Hunger habe.
Dauerhaft bleiben kann Henry nicht im Rathaus. Er soll wieder zurück zu seiner Herde. Aktuell ist er in der Eingewöhnungsphase und verbringt immer wieder 15 bis 20 Minuten mit den anderen Schafen. Dort spielt er mit Altersgenossen und Alttieren. Danach möchte er aber noch zurück zu seiner Ziehmutter und schlafen.
Wie lange Henry noch Rathaus-Praktikant bleibt, ist offen. Das hänge von seiner Entwicklung ab. Inzwischen hat er Zähne, frisst Gras, Blattwerk und Heu. Wenn er selbstständiger wird und längere Pausen bei der Milchzufuhr schafft, kann er wieder ganz in die Herde.
Zenker freut sich auf diesen Moment, auch wenn der Abschied sicher besonders wird. „Ich wünsche mir ehrlich gesagt nichts Sehnlicheres, wie dass er den Anschluss an die Herde gewinnt und da selbstständig mit dabei rumspringt. Dann ist eigentlich mein Job getan.“
Am Donnerstag wird Henry vier Wochen alt. Für ein Lamm ist er gut entwickelt und flott unterwegs. Sabine Zenker beschreibt, dass Schafe als Fluchttiere schon kurz nach der Geburt auf eigenen Beinen stehen und loslaufen können.
„Das hat Henry auch ganz großartig gemacht und ist nach wie vor sehr flott unterwegs.“
Bis er ganz in seine Herde zurückkehrt, wird Henry also noch ein bisschen weiter durch das Rathaus von Enzklösterle hüpfen – und dort für Lacher, Staunen und ziemlich viel gute Laune sorgen.