Baden-Württemberg (dpa/dk) – Wer krank ist, soll künftig möglicherweise schon ab dem ersten Tag eine Krankschreibung vorlegen müssen. Darauf hat sich die schwarz-rote Koalition auf Bundesebene im Rahmen eines Reformpakets geeinigt. In Baden-Württemberg stößt der Plan auf deutliche Kritik.
Gesundheitsminister Oliver Hildenbrand von den Grünen spricht von einer „Misstrauenskultur gegenüber Beschäftigten“. Er sagte: „Ich bin überzeugt: Die allermeisten Menschen bei uns im Land handeln verantwortungsvoll. Sie pauschal unter Generalverdacht zu stellen, ist weder gerecht noch zielführend“.
Hildenbrand warnt davor, dass die neuen Regeln die Arztpraxen zusätzlich belasten könnten. Viele Hausärztinnen und Hausärzte arbeiteten schon jetzt am Limit.
Der Minister sagte dazu: „Wer Menschen mit kurzfristigen Erkrankungen zwingt, sofort und unverzüglich eine Praxis aufzusuchen, produziert vor allem mehr Bürokratie und noch vollere Wartezimmer.“
Aus seiner Sicht brauche es stattdessen Entlastungen, eine kluge Steuerung und mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung der Menschen.
Auch die Landesärztekammer Baden-Württemberg kritisiert die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung deutlich. Kammerpräsident Dr. Wolfgang Miller nennt die Abschaffung „einen Schritt in die falsche Richtung“.
Er sagt: „Die Patienten bekommen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung leider direkt zu spüren. Denn die Arztpraxen werden wieder mit nicht notwendigen Terminen belastet. Nicht jeder Patient mit Schnupfen oder leichtem Infekt muss sich sofort persönlich bei der Ärztin beziehungsweise beim Arzt vorstellen. Die telefonische Krankschreibung ist ein guter Weg, die Ressourcen zielgerichtet einzusetzen und unnötige Ansteckungen im Wartezimmer zu vermeiden. Auch eine merkliche Verringerung der Verwaltungsbürokratie geht damit einher. Das alles soll jetzt unverständlicherweise wegfallen. Damit tut man keinem einen Gefallen – nicht dem medizinischen Personal und schon gar nicht den Menschen im Land.“
Dr. Miller bezweifelt außerdem, dass die telefonische Krankschreibung die maßgebliche Ursache für den hohen Krankenstand ist. Laut Daten der Krankenkassen sei jeder Arbeitnehmer in Deutschland durchschnittlich 22 Tage krankgeschrieben gewesen.
Miller verweist darauf, dass seit 2022 alle ärztlichen Atteste, auch bei Kurzzeiterkrankungen, digital gemeldet werden. Er sagt: „Die Erfassung des Krankstandes ist damit genauer als zuvor und erklärt das anhaltend hohe Niveau.“
Union und SPD haben sich auf Bundesebene auf ein größeres Reformpaket geeinigt. Dazu gehört unter anderem:
Mit den Reformen will die Bundesregierung auf den aus ihrer Sicht zu hohen Krankenstand in Deutschland reagieren.
Die telefonische Krankschreibung wurde im Frühjahr 2020 eingeführt. Sie galt zunächst für leichte Atemwegserkrankungen und bei Verdacht auf eine Corona-Infektion. Ziel war es, Hausarztpraxen zu entlasten und gesundheitlich schwache oder infektiöse Patientinnen und Patienten aus überfüllten Wartezimmern herauszuhalten.
Ende 2023 wurde die telefonische Krankschreibung mit einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses in die Regelversorgung überführt.