Bei großer Hitze mehr Klarheit schaffen

Hitzefrei an Schulen: Baden-Württemberg prüft verbindlichere Regeln

23. Juni 2026 , 15:33 Uhr

Südwesten (dpa/svs) – Temperaturen von teils mehr als 35 Grad bringen in Baden-Württemberg nicht nur viele Menschen ins Schwitzen, sondern auch die Debatte über Hitzefrei an Schulen wieder in Bewegung. Kultusminister Andreas Jung von der CDU will die bisherigen Regeln jetzt auf den Prüfstand stellen. Sein Ziel: Schulen sollen bei besonderen Hitzelagen mehr Orientierung bekommen. Jung kann sich verbindlichere Vorgaben vorstellen. „Wir können besondere Hitzelagen nicht ignorieren“, sagte er.

Hitzefrei soll bei bestimmten Temperaturen eher Pflicht werden

Nach Jungs Vorstellung sollen Schulen ab einer bestimmten Temperatur nicht nur Hitzefrei geben können, sondern es dann auch tun. Die Entscheidung soll aber weiterhin bei den Schulleitungen bleiben.

„Am Ende entscheidet die Schulleitung, und für eine Entscheidungsfindung ist etwas mehr Verbindlichkeit und Klarheit gut“, erklärte Jung.

Der Kultusminister verweist dabei auch auf den Klimawandel. Es gebe „viermal mehr Hitzetage als in den 1950er-Jahren“, gerade der Südwesten sei betroffen. Die Hitzefrei-Regelungen sollen deshalb gemeinsam mit Schulen, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern weiterentwickelt werden.

Hagel unterstützt den Vorstoß

Auch Innenminister Manuel Hagel unterstützt die Vorschläge seines Parteifreunds. Er sprach dabei nicht nur als Politiker, sondern auch als Vater von drei Kindern. „Mein Sohn geht in die erste Klasse einer Grundschule“, sagte der CDU-Landeschef in Stuttgart. „Und wir führen diese Diskussionen gerade jeden Tag zu Hause.“ Hagel stellte auch die bisherige Praxis infrage, bei der die maßgebliche Temperatur draußen im Schatten gemessen wird und nicht im Klassenzimmer. Jungs Vorschläge nannte er „sehr pragmatisch“. Mit Blick auf den Klimawandel und zunehmende Hitzetage müsse zum neuen Schuljahr „alles auf den Prüfstand gestellt werden“.

Bisher entscheidet jede Schule selbst

Aktuell gibt es in Baden-Württemberg keine landesweit einheitliche feste Temperaturgrenze, ab der der Unterricht automatisch endet. Das Kultusministerium empfiehlt unter anderem, Hitzefrei zu ermöglichen, wenn die Außentemperatur um 11 Uhr mindestens 25 Grad im Schatten beträgt. Frühestens ist Hitzefrei nach der vierten Unterrichtsstunde vorgesehen.

Die Entscheidung treffen die Schulleitungen vor Ort. Sie müssen dabei die Wetterlage und schulische Belange wie Klassenarbeiten abwägen. Fallen Prüfungen wegen Hitzefrei aus, soll es einen Nachschreibetermin geben.

Hitzefrei bedeutet außerdem nicht automatisch, dass Kinder sofort abgeholt werden müssen. Grundschulkinder mit ergänzender Betreuung werden nach Angaben des Landeselternbeirats weiter betreut. Es entfällt nur der Unterricht.

Aufsichtspflicht bleibt bestehen

Auch bei Hitzefrei müssen Schulen ihre Aufsichtspflichten erfüllen. Schülerinnen und Schüler, die auf Busse oder andere Verkehrsmittel angewiesen sind, müssen bis zur Heimfahrt beaufsichtigt werden.

Für berufliche Schulen und die gymnasiale Oberstufe ist Hitzefrei nach Angaben des Ministeriums nicht vorgesehen. Dort muss stattdessen der Zugang zu Trinkwasser sichergestellt sein.

Auch an Ganztagsschulen und sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren ist Hitzefrei in der Praxis oft nur eingeschränkt möglich.

Gewerkschaften fordern klimafeste Schulen

Die Bildungsgewerkschaften begrüßen den Vorstoß grundsätzlich, sehen aber vor allem großen Sanierungsbedarf. Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sagte, Hitzefrei könne „immer nur eine Notlösung“ sein und dürfe „kein Dauerzustand“ werden.

„Wichtiger“ sei es, Kitas und Schulen klimafest zu machen. Dafür brauche es eine Sanierungsoffensive und eine gemeinsame Kraftanstrengung von Kommunen, Land und Bund.

Stein verwies auf sehr unterschiedliche Bedingungen vor Ort: Manche Schulen seien alte Gebäude mit dicken Mauern, andere neuere Schulhäuser, „in denen das Wasser in den Sprudelflaschen der Kinder fast zu kochen beginnt“. Einheitliche Empfehlungen seien sinnvoll, die einzelnen Schulen müssten aber weiter entscheiden können.

VBE: Gute Lernbedingungen auch bei Hitze sichern

Auch der Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg spricht sich dafür aus, die Entscheidung bei den Schulleitungen zu lassen. Landesvorsitzender Gerhard Brand sagte: „Sie kennen die Situation vor Ort am besten und können die individuellen Bedingungen ihrer Schule angemessen berücksichtigen.“ Sinnvoll sei aus Sicht des VBE auch eine stärkere Orientierung an den tatsächlichen Temperaturen in den Klassenzimmern.

Gleichzeitig dürfe sich die Debatte nicht nur darum drehen, ab wann Schülerinnen und Schüler nach Hause geschickt werden. Brand sagte: „Angesichts steigender Temperaturen durch den Klimawandel muss die zentrale Frage lauten: Wie schaffen wir es, Schulen so auszustatten, dass auch an heißen Tagen guter Unterricht möglich bleibt?“ Genannt werden unter anderem wirksame Beschattung, bessere Dämmung, Kühldecken oder gegebenenfalls auch Klimatisierung. Land und Kommunen müssten dafür gemeinsam ein Konzept entwickeln.

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