Gesundheitsamt Karlsruhe an der Belastungsgrenze

04. November 2020 , 14:15 Uhr

Karlsruhe (pm/dpa/lk) – Die steigende Zahl der Corona-Infektionen bringt Gesundheitsämter im Südwesten an die Überlastungsgrenze. Inzwischen haben mindestens 24 der insgesamt 38 Gesundheitsämter in Baden-Württemberg eine Überlastungsanzeige gestellt – und bauen auf die Hilfe der Bundeswehr. Doch trotz Unterstützung der Bundeswehr kann das Gesundheitsamt Karlsruhe nur noch bei etwa zwei von drei Coronainfektionen die Quelle ausmachen. Und das, obwohl „bis zum Anschlag“ gearbeitet wird.

Antrag bereits vor zwei Wochen gestellt

Der Landkreis Karlsruhe hatte frühzeitig um Unterstützung der Bundeswehr bei der Kontaktpersonennachverfolgung gebeten, um die Arbeit des Gesundheitsamtes zu unterstützen. Zehn Armee-Angehörige wurden daraufhin im Schnellverfahren zu sogenannten „Containment-Scouts“ angelernt und in die Fächerstadt entsendet. Im größten Gesundheitsamt Baden-Württembergs, das für mehr als 750.000 Menschen zuständig ist, arbeiten nach Angaben des Karlsruher Landrats Christoph Schnaudigel aktuell gut 150 Mitarbeiter daran, Infektionsketten nachzuvollziehen. 40 Mitarbeiter sind neu eingestellt worden, mehr als 20 Mitarbeiter kommen aus der Stadtverwaltung Karlsruhe.

Jede dritte Infektion nicht mehr nachvollziehbar

Die Kontaktverfolgung sei zwar personalintensiv, aber sehr wichtig bei der Unterbrechung der Infektionsketten, sagte Landrat Christoph Schnaudigel am Mittwoch. Doch personell stoße das Gesundheitsamt beim aktuellen Infektionsgeschehen an seine Grenzen. Rund 30 Prozent der Infektionen könnten nicht mehr nachverfolgt werden. Schnaudigel glaube aber trotz dieser Zahlen nicht, „dass der Kampf verloren ist“. Die Option weitere Soldaten zur Unterstützung anzufordern sei nicht auszuschließen, so Schnaudigel. Die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Gesundheitsamt laufe auf allen Ebenen sehr gut.

Mitarbeiter an der Belastungsgrenze

Der Leiter des Karlsruher Gesundheitsamts, Peter Friebel, berichtet ebenfalls, dass die Mitarbeiter an den Rand ihrer Belastbarkeit kämen. „Die schiere Masse, die Personen anzurufen. Das Bedürfnis der Menschen Fragen zu stellen. Da können Sie sich vorstellen, wieviel Personal gerade benötigt wird. Wir kämpfen eigentlich ständig gegen Windmühlen. Und die Bundeswehr ist im Moment eben nicht noch zusätzlich mit anderen Aufgaben gebunden“, so Friebel im Interview mit der neuen welle. Die Bundeswehr stockt ihre Unterstützung für die Behörde bei der Nachverfolgung daher künftig auf 16 Soldaten auf. Der Kommandeur des Landeskommandos Baden-Württemberg, Oberst Thomas Köhring, machte Hoffnung, dass die Unterstützung bei Bedarf sogar noch ausgeweitet werden könne.

Lange und mühsame Telefonate

Paul Bonath ist schon seit dem Sommer dabei und hat selbst die Erfahrung einer Covid-19-Erkrankung mitgebracht. Die Nachwirkungen spüre er noch heute. Der 27 Jahre alte gelernte Krankenpfleger berichtet von teils langen und mühsamen Telefongesprächen mit Menschen, die alle Maßnahmen kritisierten. Die Erfahrung sei, dass ältere Menschen die Maßnahmen eher annehmen als jüngere. Ist eine Coronaliste abtelefoniert kommt eine neue und oft längere. „Wir kommen mit der Einarbeitung neuer Kollegen kaum noch hinterher“, sagt Bonath. Ohne Hilfe der Soldaten könnten sie die Arbeit nicht mehr stemmen.

Bundeswehr auch in Rastatt und Germersheim

Auch in anderen Gesundheitsämtern in der Region sind die Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Seit Montag wird das Gesundheitsamt in Germersheim für die Dauer von zunächst vier Wochen durch vier Soldaten der Germersheimer Südpfalz Kaserne unterstützt. Wegen des enormen Arbeitsanfalls bekommt das Gesundheitsamt des Landratsamtes in Rastatt seit Anfang der Woche Unterstützung durch 13 Bundeswehrsoldaten. Schwerpunktmäßig helfen die Soldaten bei der Nachverfolgung von Infektionsketten. Die vollständige Kontaktnachverfolgung gilt als zentrales Element in der Pandemiebekämpfung. Das RKI hatte die Überforderungen einiger Gesundheitsämter bereits am 22. Oktober als „ernst und besorgniserregend“ bezeichnet. Sie müssten jede Anstrengung aufrechterhalten und dürften nicht aufgeben.

Polizeifreiwillige wollen ebenfalls helfen

Auch knapp 200 Mitglieder des Freiwilligen Polizeidienstes wollen die Gesundheitsämter im Kampf gegen die Corona-Pandemie unterstützen. Das bestätigte ein Sprecher des Innenministeriums am Mittwoch. Laut Innenministerium gibt es insgesamt knapp 600 Polizeifreiwillige im Land. Die Ehrenämtler springen normalerweise immer dann ein, wenn es personell eng wird bei den Dienststellen im Land: Sie helfen bei Veranstaltungen aus, regeln den Verkehr bei Volksfesten, sichern Polizeigebäude oder verteilen Präventions-Flyer. Nun muss deren Einsatz noch vom Corona-Lenkungskreis der Landesregierung beschlossen werden, hieß es aus dem Staatsministerium.

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