Calw spinnt weltweit erstes analoges Fadennetz

04. November 2026 , 10:29 Uhr

Calw (pm/tk) – Blinkende Bildschirme und digitale Dauervernetzung bestimmen unseren Alltag. Dennoch fühlen sich viele Menschen isolierter denn je. „Wir haben als Gesellschaft den Faden verloren“, sagt Calws Oberbürgermeister Florian Kling. „Deshalb bringen wir den Faden zurück und ziehen ihn durch alle Haushalte“, sagen die Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin. Heute fiel der Startschuss für das „Analoge Fadennetz“. Am Dienstag, 10. November, folgt eine Infoveranstaltung für alle Bürgerinnen und Bürger.

Geheim geplante Kunstaktion – heute geht es los

Mit dem „Analogen Fadennetz“ der Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin soll die erste Stadtvernetzung per Faden entstehen – als handfeste Antwort auf den schleichenden Verlust zwischenmenschlicher Nähe. Das Projekt knüpft da an, „wo wir Menschen gegenüber der KI unschlagbar sind – beim direkten Miteinander und der Begegnung von Mensch zu Mensch“, erklärt OB Kling.

„Manche mögen solche Kunstaktionen für entbehrlich halten. Doch wenn sie uns als Gesellschaft neue Blickwinkel schenken und Gespräche am Gartenzaun ermöglichen, dann haben sie mehr bewirkt, als es mancher staatliche Fördertopf in Krisenzeiten vermag.“

Der Gemeinderat der Stadt Calw hat dem außergewöhnlichen Vorhaben bereits in einem konspirativen Treffen seine Zustimmung erteilt. Auch der Verein StadtLandKultur e.V. konnte als Komplize gewonnen werden. Seitdem liefen die Planungen und Abstimmungen hinter den Kulissen.

Heute fällt nun der Startschuss: Mit dem Verlegen des ersten Fadens in einen eigens dafür geschaffenen Schacht wird zugleich eine dauerhafte Kunstinstallation eingeweiht. Die Riklin-Brüder machen gemeinsam mit ihren Projektpartnern damit die Vision eines „Analogen Fadennetzes“ in Calw greifbar. Die Stadt wird als erste Kommune in Deutschland ein eigenes Fadennetz knüpfen.

Bürger sollen Faden spenden

Im Rathaus, in der Kulturapotheke, im Mode Schaber am Marktplatz, im Bauzentrum Kömpf, im TSV Sportzentrum sowie in allen Bürgerbüros und Ortsverwaltungen entstehen sogenannte öffentliche Fadensammelstellen: Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, dort abgeschnittene Schnüre, Bindfäden und Wollreste abzugeben. Was sonst in Schubladen, Kellern oder Garagen liegen bleibt oder im Abfall landet, wird zum Baumaterial für das „Analoge Fadennetz Calw“.

Folgt der Digitalisierung die Analogisierung?

Mit dieser Frage beschäftigen sich die Zwillingsbrüder Frank und Patrik Riklin aus St. Gallen schon seit Jahren. Ihr Konzept des „Analogen Fadennetzes“ setzt dem Trend zu Entpersonalisierung, Unverbindlichkeit und sozialer Isolation eine provokant einfache Idee entgegen. „Je digitaler die Welt, desto größer die Gefahr der Zombifizierung – desto mehr sollten wir gleichberechtigt ins Analoge investieren“, so die Künstler. Die „Analogisierung“ verstehe sich allerdings nicht als Kampfansage an neue Technologien, sondern als kreative Ergänzung und Rückbesinnung auf das Greifbare.

Nach dem Auftakt beginnt nun das eigentliche Experiment: die schrittweise Verfädelisierung der Stadt. Der Clou dabei ist, dass die Verlegung des „Analogen Fadennetzes“ nicht zentral organisiert wird. Vielmehr soll sie aus der Bevölkerung heraus entstehen. Das Prinzip: Wer eine Fadenrolle erhält, verlegt ein Stück Faden, gibt die Rolle weiter und verbindet seinen Faden mit dem Faden des Nachbarn. Aus Nachbarn werden Fadenkomplizen, aus einzelnen Stücken entsteht nach und nach ein Netzwerk.

Etappe 1: Sammeln November bis Januar

Am Anfang braucht es vor allem eines: möglichst viel Faden. Bei kollektiven Fadenjagden ziehen die Riklin-Brüder, das Calwer Kernteam und weitere Freiwillige durch die Stadtteile und Quartiere, klingeln an Haustüren und sammeln übrig gebliebene Schnüre. Gesucht sind insbesondere Naturbindfäden, Packschnüre und andere robuste Fadenreste, kein Nähfaden. Das Material kann jederzeit in den öffentlichen Fadensammelstellen abgegeben werden.Damit aus den gesammelten Fadenresten ein verlegbares Netzwerk wird, müssen sie anschließend auf handliche Fadenrollen aufgewickelt werden. Die Rollen bilden das Ausgangsmaterial für die nächste Etappe.

Etappe 2: Verlegen bis Mai 2027

Hier wird es spannend: 13 nummerierte Fadenrollen werden auf die 13 Calwer Stadtteile verteilt. Jede Rolle erhält eine Anleitung mit dem Verlegungsprinzip sowie den wichtigsten Sicherheitsregeln. Von dort aus sollen die Rollen von Haushalt zu Haushalt weitergegeben werden. Wer eine Rolle erhält, schneidet ein Stück Faden ab, verlegt es von der eigenen Wohnung aus in Richtung Nachbarschaft und verbindet es mit dem nächsten Haushalt. Wichtig dabei: Der Faden soll tatsächlich bis in die jeweilige Wohnung reichen – nicht nur bis zur Grundstücksgrenze oder zum Gartenzaun. Wie das funktioniert, zeigt ein Erklärvideo auf der Projektwebseite.

Das Prinzip dahinter ist ein Schneeballeffekt. Dabei sind Fantasie und Eigeninitiative gefragt. Die Faden-Hotline auf www.analoges-fadennetz.de bietet Unterstützung, nimmt Fragen und Lösungsideen entgegen und macht gute Einfälle über die Fadenpost sichtbar.

Das Ziel ist ambitioniert: Bis Ende 2026 sollen bereits 30 Prozent der rund 11.000 Calwer Haushalte miteinander verfädelt sein. Bis Mai 2027 soll das Netzwerk möglichst flächendeckend durch alle 13 Stadtteile gewachsen sein.

Etappe 3: Feiern Juni 2027

Im Juni 2027 soll Calw sein „Analoges Fadennetz“ mit einem grossen Volksfadenfest auf dem Marktplatz feiern. Im Mittelpunkt stehen das gemeinsame Erleben, Diskutieren und Präsentieren des entstandenen Gemeinschaftskunstwerks. Was hat das Fädeli mit den Calwerinnen und Calwern gemacht? Welche unüblichen Begegnungen sind entstanden? Was bleibt von der gemeinsamen Aktion? Und wie lässt sich der Fädeli-Geist über das Projekt hinaus weitertragen?

Ob das Vorhaben tatsächlich gelingt, ist bewusst offen. Die Riklin-Brüder geben einen Impuls, aber keine Erfolgsgarantie. Sollte der Funke nicht überspringen, ist auch ein Scheitern oder ein Projektabbruch Teil des künstlerischen Experiments. Denn bereits die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Frage nach Sinn oder Unsinn eines solchen Vorhabens kann Sinn stiften. Das „Analoge Fadennetz“ ist damit nicht nur ein Netzwerk aus Fäden, sondern vor allem ein Experiment, was eine Stadtgemeinschaft aus eigener Kraft zustande bringen kann. Die Kunst der Riklin-Brüder ist dabei eine Option, keine Mission.

Termine

Mittwoch, 4. November 2026, 13-16 Uhr

Startschuss zur Fadenjagd im Stadtkern

Treffpunkt: Rathaus

Dienstag, 10. November 2026, 18.30 Uhr

Öffentliche Informationsveranstaltung zum Analogen Fadennetz

Forum am Schießberg

Mittwoch, 11. November 2026, 13-16 Uhr

Kollektive Fadenjagd und Fadenverlegung in Stammheim

Treffpunkt: Bürgerbüro

Dienstag, 17. November 2026, 18 Uhr

Workshop: Ein Jahr gegen die Einsamkeit

Haus auf dem Wimberg, Anmeldung: info@demil-calw.de

Mittwoch, 18. November 2026, 13-16 Uhr

Kollektive Fadenjagd und Fadenverlegung in Wimberg

Treffpunkt: Bürgerbüro

Weitere Fadenjagden, Mitmachaktionen und Veranstaltungen werden laufend auf www.analoges-fadennetz.de bekanntgegeben.

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