(Partner) – Zwischen Zigarettenregal und Lottoannahme hängt in vielen Läden der Region ein Ständer mit Gutscheincodes über 10, 25, 50 oder 100 Euro. Gekauft werden sie bar, eingelöst werden sie im Netz. In einem Land, das gerade dabei ist, das Bargeld an der Ladenkasse abzulösen, wirkt dieses Papier wie ein Relikt. Die Verkaufszahlen sprechen eine andere Sprache. Offenbar gibt es weiterhin genug Menschen, die online zwar bezahlen, ihre Bankverbindung dabei aber niemandem zeigen wollen.
Im Juni hat die Deutsche Bundesbank eine Zahl vorgelegt, die den Alltag vieler Haushalte ziemlich genau beschreibt. In ihrer aktuellen Studie zum Zahlungsverhalten wurde 2025 erstmals mehr als die Hälfte aller Einkäufe ohne Scheine und Münzen beglichen. Bargeld kam noch auf 45 Prozent aller Zahlungen, sechs Prozentpunkte weniger als zwei Jahre zuvor. Die Debitkarte folgte mit 26 Prozent, das Bezahlen per Smartphone oder Uhr erreichte 10 Prozent.
Aufschlussreicher als die Zahlen an der Ladentheke ist ein zweiter Wert. Internetbezahlverfahren stehen inzwischen für 6 Prozent aller Bezahlvorgänge und haben ihren Anteil damit gegenüber 2023 verdoppelt. Das Wachstum passiert also nicht im Supermarkt, sondern beim Einkauf zu Hause. Dort stellt sich die Frage nach der Bezahlform allerdings anders, weil ein Geldschein nun einmal nicht durch die Leitung passt. Was an der Kasse ohne Nachdenken funktioniert, braucht online einen Umweg.
Sechzehn Ziffern stehen auf dem Bon, gekauft wird er an der Kasse, eingegeben wird er im Bezahlfenster des Anbieters. Akzeptiert wird das dort, wo digitale Güter verkauft werden und der Verkäufer kein Bankkonto seiner Kunden braucht. Zwei Felder lassen sich unterscheiden. Im einen geht es um kleine Alltagsbeträge, im anderen um Anbieter, bei denen die Bezahlform selbst zum Verkaufsargument geworden ist.
Für die Betreiber solcher Plattformen ist der Code längst mehr als eine Randnotiz. In der Kassenmaske steht er als eigene Zeile neben Überweisung und Kreditkarte, und bedient wird damit ein Publikum, das seine Bankverbindung im Netz nicht hinterlegen will. Paysafecard Casinos bündeln für den österreichischen Markt Prepaid-Karten für diskrete Einzahlungen, wobei der eingezahlte Betrag durch den Wert des Gutscheins begrenzt bleibt. Das Limit ergibt sich damit aus dem Produkt selbst und nicht aus einer freiwilligen Vorsicht.
Das zweite Feld ist unauffälliger und dafür größer. Am sichtbarsten ist das Verfahren im Gaming. Guthaben für Spielwährung, Skins oder einen Season Pass lädt sich ohne Kreditkarte auf, was den Code für jüngere Nutzer und für deren Eltern praktisch macht. Ähnlich läuft es bei Abos, wo festes Guthaben die automatische Verlängerung verhindert. Selbst Hardwarehersteller verlangen inzwischen Geld für einzelne Funktionen, die früher zum Gerät gehörten. Grenzenlos ist das Prinzip allerdings nicht.
Ohne registriertes Konto endet die Zahlung mit einem Prepaid-Code bei 50 Euro pro Zahlung. Diese Grenze hat sich der Anbieter nicht selbst ausgedacht. Sie folgt aus dem europäischen Geldwäscherecht, das anonymes E-Geld nur in kleinen Beträgen zulässt. Wer mehr bewegen will, legt ein Konto an, weist seine Identität nach und bekommt dafür höhere Limits. Damit bleibt der Code ein Kleinbetragsmittel für den Alltag und kein Werkzeug für größere Summen.
Dass viele Nutzer trotzdem lieber mit Guthaben als mit ihrer IBAN bezahlen, hat einen nüchternen Hintergrund. Je mehr Stellen eine Bankverbindung kennen, desto größer ist die Angriffsfläche. Erst im August warnte die Polizei in der Region davor, dass Kriminelle WhatsApp-Konten übernehmen und im Namen der Besitzer Geld von deren Kontakten erbitten. Ein Guthabencode hilft gegen solche Fälle nicht direkt. Er begrenzt aber den Schaden, weil hinter ihm kein Konto steht, das sich leerräumen ließe.
Die Kehrseite gehört dazu. Ein weitergegebener Code ist so gut wie verloren, weil er wie Bargeld funktioniert. Genau darauf zielen Betrüger, die ihre Opfer am Telefon zum Kauf solcher Karten drängen. Verbraucherschützer raten deshalb zur gleichen Faustregel wie beim Bargeld. Wer den Code nicht selbst einlöst, nennt ihn niemandem.
Die Debatte über solche Faustregeln zeigt, wie sehr Bargeld und Netz inzwischen ineinandergreifen. Die Bundesbank beschreibt in ihrer Studie einen Zustand, den sie selbst als unvollständige Wahlfreiheit bezeichnet. Vier von fünf Befragten halten es für wichtig, weiterhin bar bezahlen zu können, gleichzeitig scheitert die Kartenzahlung an manchem Automaten und an mancher Kasse. Auf europäischer Ebene laufen deshalb zwei Projekte parallel. Das Bezahlverfahren Wero soll eine europäische Alternative zu den großen Anbietern aus Übersee schaffen, und der digitale Euro soll Zentralbankgeld auch dann verfügbar halten, wenn der Schein aus dem Alltag verschwindet.
Beides zielt auf dieselbe Lücke, die der Guthabencode heute füllt. Er ist die einfachste Übersetzung eines Geldscheins in eine Zahlung im Netz. Der Betrag steht fest, ein Konto braucht es nicht. Ob diese Rolle in einigen Jahren an ein europäisches Verfahren übergeht, hängt weniger an der Technik als daran, wie viel Vertrauen die Menschen einem neuen System entgegenbringen.
Bis dahin bleibt der Ständer neben der Lottoannahme bestückt. Er bedient eine Nachfrage, die keine Studie wegdiskutieren kann und die sich in zwei Sätzen zusammenfassen lässt. Bezahlen soll schnell gehen. Und niemand soll dabei mehr über einen erfahren als nötig.