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Personalabbau, Tarifverzicht – Automobil-Zulieferer Sihn aus Mühlacker stellt Insolvenzantrag

Pforzheim / Mühlacker (pm/as) Die noch verbliebenen 325 Beschäftigten hatten auf vieles verzichtet - dennoch hat der Automobilzulieferer Sihn aus Mühlacker Insolvenzantrag beim Amtsgericht Pforzheim gestellt. Wie es mit den Arbeitsplätzen weiter geht, ist unklar. Die IG Metall wirft der Unternehmensführung schwere Fehler vor, der Betriebsrat sieht für den Betrieb durchaus eine Zukunft.

Foto: IG Metall

Rechtsanwalt Schmidt-Thieme ist Insolvenzverwalter

Wie der Sprecher der IG Metall Pforzheim, Arno Rastetter, mitteilt, hat die Geschäftsführung der Firma Sihn GmbH am Dienstag, den 9. Juli beim Amtsgericht Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Schmidt-Thieme bestellt. Die Belegschaft mit rund 325 Beschäftigten wurde bei einer Betriebsversammlung am Mittwoch den 10. Juli 2019 unterrichtet.

Autozulieferer mit Millionenproduktion

Sihn ist Hersteller für fluidische und mechanische Verbindungskomponenten, sowie damit verbundener Baugruppen und Dienstleistungen in Premiumqualität. Als europäischer Marktführer für Ringstücke und Hohlschrauben im Automobil- und Nutzfahrzeugbereich setzt die Sihn GmbH anwendungsspezifische Lösungen, sowohl als Klein- als auch als Großserien in Millionenstückzahlen um.

Gewerkschaft will keine Zurückhaltung mehr

Die IG Metall Pforzheim ist mehr als verärgert über diesen Schritt. Noch vor zwei Wochen hätte man einen Zusatztarifvertrag für die Firma mit dem Arbeitgeberverband Südwestmetall abgeschlossen, um die Einführung des Entgeltrahmentarifvertrags (ERA) um weitere 5 Monate auf Dezember 2019 zu verschieben. Zuvor hatte die IG Metall laut eigenen Angaben bereits zahlreiche Sanierungsmaßnahmen mit tariflichen Verzichten der Beschäftigten begleitet, so der Sprecher der IG Metall, Arno Rastetter. Offensichtlich hätten diese ebenso wenig gefruchtet, wie der Personalabbau 2016 sowie selbiger Anfang diesen Jahres. „Während die Beschäftigten nun seit Monaten auf die Einführung des ERA Tarifvertrags warten und auch in anderen Bereichen wie Arbeitszeit und Sonderzahlungen noch weit von den Flächentarifverträgen der Metall- und Elektroindustrie entfernt sind, müssen die Arbeitnehmer durch die Insolvenz nun auch noch um ihre Arbeitsplätze bangen“, erklärt Rastetter. Da die Beschäftigungssicherung mit diesem Schritt weg ist, gibt es für die IG Metall Pforzheim derzeit auch keinen Grund mehr zur tariflichen Zurückhaltung.

Betriebsrat und Gewerkschaft für Weiterführung des Betriebs

Der Betriebsrat hat dieses Szenario schon seit längerer Zeit befürchtet. Ausschlaggebend waren die gravierenden Fehler der Geschäftsführung in personellen und strategischen Entscheidungen, zuletzt die schlecht vorbereitete Verlagerung eines Betriebsteiles der Firma Sihn nach Bulgarien. Der Betriebsratsvorsitzende, Andreas Ahner, hat den Geschäftsführern, Baum und Schultz in vielen Gesprächen  Maßnahmen zu einer reibungsloseren Produktion und der Sicherung von Beschäftigung vorgeschlagen und angemahnt. Viel zu lange hat die Geschäftsführung dies ignoriert. Den Preis hierfür zahlen nun die Mitarbeiter. Hauptziel des Betriebsrates ist nunmehr, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. „Die Produkte und Beschäftigten hätten nämlich durchaus Potenzial für eine erfolgreiche Fortführung der Firma,“ so Ahner weiter. Das sieht auch die IG Metall so, darum ginge es jetzt darum, möglichst effizient zu produzieren, das Verfahren mit den notwendigen Einnahmen liquide zu halten und so ein reibungsloses Weiterproduzieren zu ermöglichen. Die tariflichen Ansprüche müssen erfüllbar bleiben, erklärt Rastetter von der IG Metall.

Insolvenzverwalter soll’s richten

Mit Schmidt-Thieme läge jetzt die Entscheidungsbefugnis in der Hand eines erfahrenen und erfolgreichen Insolvenzverwalters, mit dem die IG Metall schon gute Erfahrungen in Sachen Weiterführung gemacht habe und nicht mehr bei der Geschäftsführung, welche keine der Chancen genutzt habe, die ihr durch zahlreiche tarifliche Abweichungen von der IG Metall geboten worden seien, so Rastetter.