Karlsruher Klinikumschef fordert Impfreihenfolge zu überdenken

Karlsruhe (mt) - Die Coronazahlen steigen dramatisch an. Daran ist vor allem die britische Mutante des Virus schuld. Sie macht inzwischen deutschlandweit rund 70 Prozent der Fälle aus. Dabei ist die Variante deutlich infektiöser, verursacht mehr schwere Verläufe und das vor allem bei jüngeren Menschen. Aus diesem Grund gibt es trotz Impfungen des älteren Teils der Bevölkerung keine Entlastung im Städtischen Klinikum in Karlsruhe. Deswegen rät der Geschäftsführer Michael Geißler dazu, die starre Impfreihenfolge zu verlassen.

Foto: Matton Images

Stiko-Kriterien liberalisierieren

"Das starre Priorisieren der Impfung hat vor allem das Problem, dass wir gerade mit AstraZeneca, den Impfstoff nicht zeitnah an Impfwillige heranbringen. Sondern, dass momentan viele, die in der aktuellen Priorisierung dran sind, sagen: 'Ich warte ab, ich will den nicht haben.' Dann liegt er ungenutzt in den Ämtern rum. Das geht gar nicht." Der Klinikumschef plädiert dafür, die momentane Impfreihenfolge zu überdenken: "Da kommt es auf jeden Tag an. Aus meiner Sicht sollten in Hochpandemieinzidenzregionen und ansonsten die Menschen geimpft werden können, die geimpft werden wollen. Unabhängig von den aktuellen Stiko-Kriterien, die müssen aus meiner Sicht ganz klar liberalisiert werden."

Aussetzen von AstraZeneca schädigte Image weiter

Das Aussetzen der Impfung mit AstraZeneca habe in den Augen Geißler dazu beigetragen, das Image des Impfstoffs nachhaltig zu schädigen: "Ich befürchte, dass sich jetzt viele Menschen erst mal nicht trauen werden, diesen Impfstoff zu nehmen, obwohl das falsch ist." Der Klinikumschef wäre bei der Lösung des Problems lieber einen anderen Weg gegangen: "Klar Gesundheitsschutz ist wichtig. Auf der anderen Seite selbst mit diesen 3, 4 hintereinander auftretenden Sinusvenenthrombosen ist natürlich das Nutzen-Risiko immer noch kritisch zu sehen. Man hätte auch sagen können, man impft weiter. Klärt aber intensiv auf. Behält das im Blick und schafft nicht viel Verunsicherung. Das wäre eigentlich den Weg, den ich lieber gegangen wäre. Hinterher ist man immer schlauer. Aber es zeigt auch drei, vier Tage, nachdem er zurückgenommen wurde, war dann doch alles nicht ganz so schlimm." Geißler ist selbst mit AstraZeneca geimpft worden. Er steht immer noch voll und ganz hinter dem Impfstoff: "Das ist ein sicherer Impfstoff und wenn man die Vorsichtsmaßnahmen erkennt, dann kann man auch eine solche Sinusvenenthrombose oder andere Thrombosen rechtzeitig so behandeln, dass man eben nicht daran stirbt."

Mitarbeit von jedem gefragt

Gerade weil die Impfungen momentan so schleppend vorangehen, ist Geißler der Meinung, dass die aktuellen Maßnahmen nicht mehr ausreichen. Stattdessen solle es einen harten Lockdown geben: "Wir brauchen den, weil wir sonst irgendwann beim R-Wert von 1,4/1,5 sind und dann fliegt uns das um die Ohren. Das ist dann ein hoch exponentielles Wachstum." Außerdem komme es jetzt auf die Mitarbeit der Mitbürgerinnen und Mitbürger an, besonders in den kommenden vier bis sechs Wochen, sich im privaten Umfeld an die Regeln zu halten. Doch auch die Betriebe müssten mit anpacken: "Die Betriebe müssen sicherstellen, dass bei ihnen die Regeln eingehalten werden, in den Büros, in den Kantinen. Vor allem müssen die Antigen-Schnelltests in den Betrieben eingeführt werden, auch wenn das Geld kostet. Die zuständigen Betriebsärzte müssen sicherstellen, dass flächendeckend getestet wird. Damit wir eben hier auch frühzeitig Infizierte in Quarantäne schicken können, bevor sie viele Weitere anstecken." Das gleiche gelte für Geißler in den Schulen, dort sei man allerdings schon auf einem guten Weg: "Ich denke auch, Unterricht soll man weiter machen. Aber eben mit Testungen, mit Abstandsregeln, mit Hygienekonzepten." 

Inzidenz immer noch aussagekräftig

Momentan stehen die Inzidenzzahlen als Richtwert für die Maßnahmen immer wieder in der Kritik. Geißler kann dies allerdings nicht verstehen: "Die bisherige Pandemie zeigt doch eindeutig, wenn die Inzidenz deutlich ansteigt, steigen auch die Kollateralschäden in der Bevölkerung und im Gesundheitswesen an." Kritisch sieht der Klinikumschef auch, dass Reisen nach Mallorca wieder erlaubt sind. "Man kann nach Mallorca fliegen, aber man muss sich halt auch dort weiter so verhalten, als wenn es Corona gäbe. Dann wird es nicht zu einer Ausbreitung des Virus kommen. Aber ich befürchte, wer auf dem Ballermann sitzt oder in einem großen Massenhotel, Lowprice. In drei, vier Wochen ist diese Insel wieder Risikogebiet. Gehe ich fest davon aus." Dabei würde Geißler selbst gerne wieder nach Mallorca fliegen und dort wandern gehen. 


  • https://dieneuewelle.cast.addradio.de/dieneuewelle/simulcast/high/stream.mp3?ar-distributor=ffa0
  • die neue welle
    blank
  • https://dieneuewelle-80er.cast.addradio.de/dieneuewelle/80er/mp3/high
  • 80er
    blank
  • https://dieneuewelle-90er.cast.addradio.de/dieneuewelle/90er/mp3/high
  • 90er
    blank
  • https://dieneuewelle-heartbeat.cast.addradio.de/dieneuewelle/heartbeat/mp3/high
  • Heartbeat
    blank
  • https://dieneuewelle-lounge.cast.addradio.de/dieneuewelle/lounge/mp3/high
  • Lounge
    blank