Saeid Fazloula: "Wir waren zu sechzigst auf einem Boot"

Karlsruhe (msch) - Jeden Sonntag trifft Martin Wacker prominente Persönlichkeiten aus der Region. Diesmal war der im Iran geborene Kanute Saeid Fazloula zu Gast. 2015 musste er aus dem Iran fliehen. In bestem Deutsch erzählt er von der Flucht und erklärt, wie es ihm gelungen ist, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen.

Foto: dnw

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Selfie vor dem Mailänder Dom zwingt ihn zur Flucht 

Manchmal verändern einzelne Momente ein ganzes Leben. Bei Kanute Saeid Fazloula war es ein Selfie, das er während der Kanu-Weltmeisterschaft 2015 in Italien vor dem Mailänder Dom schoss. Damals startete der gebürtige Iraner noch für das Team seines Herkunftslandes. Als er nach dem Turnier wieder im Iran angekommen war, wurde dem muslimischen Athleten vorgeworfen, er wolle zum Christentum konvertieren. Auf Religionswechsel gilt in dem ultrakonservativen Land die Todesstrafe. Für Fazloula war klar, dass er dort nicht länger bleiben konnte. "Vielleicht waren die Leute neidisch", überlegt der Sportler, der bereits seit 2007 für die Nationalmannschaft seines Land erfolgreich an internationalen Wettbewerben teilgenommen hatte und zu den besten Kanuten des Landes zählte.

Flucht über die Balkanroute

Die anschließende Flucht hat der 28-Jährige als sehr belastend empfunden. "Die Flucht war furchtbar. Ich habe viele Kinder und viele alte Menschen gesehen. Manche sind sogar gestorben", erinnert sich der Ausnahmesportler an die dunkle Zeit in seinem Leben. Dabei hat er die sogenannte Balkanroute gewählt, bei der sich die Flüchtenden durch die Türkei nach Griechenland und von dort weiter nach Nordeuropa durchschlagen. Insbesondere die Bootsüberfahrt nach Griechenland hat sich dabei in seine Erinnerung eingebrannt. "Das war das schlimmste, was ich je erlebt habe. Wir waren zu sechzigst auf dem Boot." Viele Menschen seien hilflos gewesen, da ihnen unterwegs das Geld ausgegangen sei. Sie seien schon in Griechenland oder der Türkei steckengeblieben. In Deutschland angekommen führte sein Weg über Köln und Düsseldorf nach Karlsruhe. Von seiner Ankunft in der Fächerstadt war der gebürtige Iraner zu Anfangs ganz und gar nicht nach begeistert. "Eigentlich wollte ich nach Essen. Dort war der einzige Verein, den ich kannte", erklärt der Profisportler, der seinen Sport auch in Deutschland nicht aufgeben wollte. Doch es war nichts zu machen, die badische Landeshauptstadt wurde seine neue Heimat. "Du musst hingehen, wo dich das BAMF (Anmerkung: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) hinschickt." Doch die neue Heimat wurde für den Iraner zum wahren Glücksfall, wie sich später herausstellen sollte. Ganz besonders eine bestimmte Begegnung hat den Grundstein für seinen weiteren sportlichen Erfolg gelegt.

Olympiateilnahme 2021 in Tokio

Über einen Journalisten und den Deutschen Olympischen Sportbund wurde der Kontakt zu Detlef Hofmann hergestellt. Der Olympiasieger von 1996 ist Vereinstrainer bei den Rheinbrüdern Karlsruhe und im Iran kein Unbekannter. "Für uns Iraner ist es ein Traum, ihn zu treffen", schwärmt der Fazloula. Der Athlet war beim ersten Treffen positiv überrascht, wie locker der ehemalige Spitzensportler rüberkam. Heute nennt Fazloula ihn "mein zweiter Papa". Nach dem Gespräch war klar, dass Fazloula am Trainingslager der Rheinbrüder teilnehmen durfte. Für den Sportler änderte sich einiges. "Mein Leben bestand nur noch aus Training, essen, schlafen und Deutschlernen", erinnert er sich zurück. Doch das war erst der Anfang einer sportlichen Erfolgsstory, die womöglich bald auf ihren nächsten Höhepunkt zusteuert. Dem Neukarlsruher, der bereits 2018 die Auszeichnung als "Karlsruher Sportler des Jahres" gewinnen konnte, winkt nämlich eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Tokio. Hier kann er für das Internationale Refugee Team an den Start gehen. "Das größte Ziel von jedem Sportler ist eine Olympiateilnahme", sagt der Kanute glücklich. Dass er dabei auch auf ehemalige Teamkollegen und Trainer aus dem iranischen Team treffen könnte, stört ihn nicht. Er hätte noch Kontakt zu einigen von ihnen, erklärt er. "Wir haben kein Problem miteinander."


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