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Deutscher Rap und sein Einfluss auf die Kultur

Der deutsche Rap gehört zu den derzeit beliebtesten Musikrichtungen unter den Deutschen. Neben Schlager und internationalem Pop ist er mit den meisten Künstlern in den Alben- und Singlecharts vertreten. Um das zu überprüfen, muss nur einmal das Radio eingeschaltet oder eben ein Blick auf eine aktuelle Hitliste geworfen werden. Wie jede Kunst, prägt natürlich auch die Musik die gesamte Gesellschaft und deren Kultur. Der Frage, inwiefern der deutsche Rap sich auf die Kultur in Deutschland auswirkt, soll im Folgenden nachgegangen werden.

Bild: fotolia / astrosystem

Der Status des deutschen Raps

Der Ruf und Status des deutschen Raps erlebt seit seinem Bestehen seit etwa Mitte der 80er Jahre ein permanentes Auf und Ab. Als in den 90er Jahren der Gangster-Rap (hin und wieder auch „Gangsta-Rap“ genannt) hinzukam und die Texte härter und oft auch sexistischer und menschenverachtender wurden, stand fest, dass viele Medien und insbesondere die Presse sich am Thema Deutschrap festbeißen würden und es auch zukünftig Kritik und Vorwürfe hageln würde.

Genauso ist es gekommen und heute, wo Deutschrap so beliebt zu sein scheint, wie kaum je zuvor, steht er natürlich auch wieder im Mittelpunkt hitziger, öffentlicher Debatten. Schließlich ist er Teil der deutschen Kultur und beeinflusst diese, ja prägt vor allem auch eine Jugendkultur, die vielen Menschen Sorgen bereitet. Da sich die geführten Debatten im Zuge der Digitalisierung in den vernetzten Raum verschieben, zu dem im Grunde jeder jederzeit Zugang hat, erhitzen sich Gemüter immer schneller, folgen Fragen auf Fragen, kann Kritik immer kurzfristiger und mitunter auch unreflektierter geäußert werden.

Wie brandaktuell das Thema Deutschrap und der Zusammenhang mit der Kultur in diesem Land sind, zeigt die Debatte um die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang. Vor allem aufgrund einer Textzeile Farid Bangs, in welcher es unter anderem hieß „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“, wurden die beiden Rapper nicht nur stark kritisiert, es wurde wegen Verdachts auf Antisemitismus sogar gegen sie ermittelt. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen allerdings bald mit der Begründung ein, die Äußerungen der Musiker seien von der Kunstfreiheit gedeckt. Die Texte würden dem Genre des Gangsta-Raps gerecht und seien damit nicht strafbar.

Wie auch immer man zu den unbestreitbar geschmacklosen Vergleichen und Aussagen der Rapper stehen mag – Interessant und durchaus produktiv für den Erhalt einer Erinnerungskultur, wie sie aufgrund der Vorgeschichte gerade in Deutschland wichtig und glücklicherweise vorhanden ist, scheint der Deutschrap mit seinen Texten zu sein.

Spannend ist aber auch, dass sein kultureller Einfluss über das Gesagte, also über den reinen Inhalt der Texte und sogar über die Musik an sich hinausgeht.

Der Film und die Mode

 

Früher trugen Breakdancer weite Kleidung. Heute lässt sich der Einfluss der Deutschraps auf die Modewelt nicht so eindeutig festlegen. Er ist vielfältiger und verändert sich stetig.

Über die Musik hinaus geht der Einfluss des deutschen Raps auf die Kultur beispielsweise dann, wenn Rappern das Musikmachen zu langweilig wird, bzw. wenn sie sich ein wenig Abwechslung wünschen; oder, wenn sie einfach Lust haben, noch ein wenig mehr Geld zu verdienen und dabei ganz einfach von ihrem Namen Gebrauch machen. Verbieten kann ihnen das niemand, mit den Konsequenzen ihrer Taten müssen sie allerdings selbst leben.

Gut läuft es in vielen Fällen dann, wenn Rapper beschließen ein Modelabel zu gründen und ihre eigene Kleidung zu designen und zu vertreiben. Denn Rap und die Mode gehen schon immer Hand in Hand – Warum sollten Rapper also ihren Style nicht vermarkten?

Unbestreitbar finden sich die Anfänge der vom Rap geprägten Kleidungskultur in den 80er Jahren der amerikanischen Bronx: Man trug weite, bequeme Kleidung (auch wegen der Nähe zum Breakdance), dazu verschiedene textile Accessoires (oft um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppierung oder Gang nach außen zu tragen). Über TV-Kanäle und hier insbesondere die Musikvideo bekam man auch in Europa schnell mit, wie man sich als Rapper und Hip-Hopper zu kleiden hatte, sodass auch hierzulande schnell ein bestimmter Style in der Szene angesagt war.

Heute ist der deutsche Rap etabliert und grenzt sich vom amerikanischen – trotz vieler Parallelen und Überschneidungen – klar ab. Er ist facettenreich und kaum in wenigen Sätzen mit all seinen Ausprägungen zu beschreiben. Auch, was die Mode betrifft, kann kein eindeutiger „Rap-Style“ mehr erkannt werden. Ob es altbekannte Rapper sind, wie Fler, der seit Neustem auch seine eigene Marke hat und Textilien mit dem Brandnamen „Ghetto Sport“ vertreibt oder ob es jüngere Rapper, wie Haftbefehl mit „Chabos IIVII“ oder auch Cro mit „VioVio“ sind – Sie alle haben ihren eigenen Stil. Und das ist wohl auch gut so, denn so beeinflussen Rapper die Kultur auch in diesem Bereich auf vielfältige Art und Weise und sorgen für Diversität.

Was die Filmbranche anbelangt, sieht es eher schwieriger aus: Fast jeder der Filme, in denen ein bekannter deutscher Rapper sich als Schauspieler versuchte, lief unter dem Radar oder wurde eher mittelmäßig rezensiert. Gar internationale Erfolge blieben vollkommen aus. Das gilt für "Blutzbrüdaz" mit Sido und für "Zeiten ändern dich" mit Bushido genauso wie für den schon 20 Jahre alten „Geschwister – Kardeşler“ mit Rap-Urgestein Kool Savas.

Die Beeinflussung der Sprache

Noch eindeutiger als der Einfluss des Raps auf die Mode und den Film, ist jener auf die Sprache und hier insbesondere auf die Sprache der Jugend. Der Hip-Hop und Rap-Journalist Falk Schacht ist sich gar sicher, dass etwa der Rapper Haftbefehl den zukünftigen Duden mitprägen wird. Und diese Entwicklung sieht er positiv: "So wie die Dusche, die du benutzt, das ist kein deutsches Wort. Das ist eigentlich französisch. Genauso werden Babo und irgendwelche Begrifflichkeiten, die eben über Rap in die deutsche Sprache und von deutschen Jugendlichen (damit meine ich auch deutsche Jugendliche mit Migrationshintergrund) benutzt werden, in die deutsche Sprache eingefügt. Das finde ich gut und für mich ist Deutsch-Rap deutsch, ohne Problem."

Und auch der Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München Professor Doktor Sven Hanuschek, der für das Magazin „Noisey“ einige Texte deutscher Rapper aus literaturwissenschaftlicher Sicht betrachtet, zeichnet, was die Beeinflussung der Sprachkultur durch den Deutschrap angeht, ein positives Bild. So zieht er sogar Vergleiche mit renommierten und intellektuellen Autoren: „Ich bin ja ein Fan von Arno Schmidt im Deutschen und James Joyce im Englischen, bei ihnen sind genau Wortspiel, Sprachspiel ungeheuer wichtig. Die expressionistische Lyrik macht das auch gelegentlich; bei Joyce ganz extrem, dort werden viele Sprachen gemischt— Finnegans Wake besteht zum Beispiel aus 40 Sprachen, mit der Grundsprache Englisch. Die Sprachenvielfalt finde ich auch bei Haftbefehl reizvoll.“

Und was die Obszönitäten der Texte angeht, bemerkt er: „Anscheinend gehört es dazu, dass man dieses Sexismus-Gerede aufführt. Aber hat das noch ein provokantes Potenzial? Womit man Kunst und Lyrik unter anderem misst, ist ja, ob es Transgressionen gibt. Wird ein etabliertes Kunstmedium, etabliertes Sprechen in irgendeiner Weise überschritten? Das passiert natürlich dadurch, dass man Rahmen versetzt und provoziert, also zum Beispiel Obszönitäten verwendet, politische unkorrekte Rede führt und so weiter. Nur ist das hier im Rap ja die eingeführte Rede, insofern wird doch nichts mehr überschritten. Die Frage ist dann natürlich, warum man den Diskurs weiterführen muss, wenn es sowieso nicht mehr provokant ist—etabliere ich dann nicht wieder Sexismus als „üblich“?“

Die Beobachtungen die Hanuschek macht und die Fragen, die er stellt – insbesondere jene, nach dem Sinn einer weitergeführten Debatte darum, was Kunst darf und was nicht und ob es mitunter nicht gar negative Auswirkungen auf einen Diskurs hat, wenn längst Verhandeltes an falscher Stelle wieder aufgewärmt wird, können so stehengelassen werden. Fest steht jedenfalls, dass Ausdrücke, wie „Babo“, „Habibi“, „I bims“, „lit“ und „dope“ inzwischen Teil der deutschen Alltagssprache (zumindest unter Jugendlichen) und damit Teil der deutschen Kultur geworden sind. Wie man das findet, ist wiederum jedem selbst überlassen, abstreiten lässt es sich aber nicht.

Verroht die Jugend durch deutschen Rap?

 

Hat eine Musikrichtung das Potenzial, eine Jugendkultur „verrohen“ zu lassen? Oder sind die Aufregung um den deutschen Rap und die Gefahr, die von ihm ausgeht übertrieben?

Nicht nur die Sprache, sondern auch die Texte, das Verhalten der Rapper in den Musikvideos und ihr Gehabe in Interviews sorgen beständig dafür, dass Deutschrap immer wieder vorgeworfen wird, dass er die Jugend verrohe und Kinder und Jugendliche mitunter gar auf „die falsche Bahn“ bringe. Denn in vielen Texten geht es um Frauen, die behandelt werden, als wären sie Dienerinnen der Männer, um Drogen oder um Gewalt (die nicht selten anderen Rap-Kollegen angetan wird). Wenn dann auch noch Rapper, die es geschafft haben, aus sozial schwachen Umfeldern und Familien auszubrechen und mit ihrer Musik Geld zu verdienen, berühmt werden und mit Statussymbolen protzen, fühlen sich nicht selten junge Menschen aus ähnlichen Milieus motiviert, sich die Rapper als Vorbilder zu nehmen. Dass dies mitunter problematisch sein kann, stehtaußerfrage. Den Deutschrap deshalb als Gefahr für die Jugend zu sehen, scheint wenig zielführend.

Denn zum einen sind Jugendliche zwar natürlich auf der Suche nach Zugehörigkeit und wollen diese nicht unbedingt bei den Eltern, sondern bei den „Coolen“, draußen, auf der Straße, finden. Allerdings trägt die Schuld dafür meistens nicht die von Rap mitgeprägte Kultur, sondern die Hormone. Und zum anderen gibt es auch immer noch deutschen Rap, der jenseits jeglicher Gangster-Klischees stattfindet. Oft muss man ein wenig suchen, um ihm in den tiefen der Musikindustrie, der Video- und Musikplattformen zu finden und oft versteht man auch nicht alles gleich – Wer aber versucht, zu differenzieren und seine Vorurteile abzulegen, wird merken, dass der Deutschrap die Kultur durchaus auch positiv beeinflussen kann. Sei es durch klare politische Statements, die einer großen Zuhörerschaft Werte, wie die Achtung der Menschenwürde, Toleranz und Empathie vermitteln wollen oder durch leichtere Songs, die Jugendlichen etwa dabei helfen können, den nicht immer ganz so leicht zu durchblickenden Alltag eines Heranwachsenden zu meistern und ein Selbstbewusstsein zu entwickeln.

 

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