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Bonpflicht: Bäckerei aus Knittlingen schickt 20.500 Belege an den Wirtschaftsausschuss BW

Knittlingen (cmk) Egal ob für Kaffee, ein Brötchen oder eine Brezel: Die Händler müssen seit Jahresbeginn jedem Kunden einen Kassenbon ausdrucken. Die Bonpflicht ist bereits nach wenigen Tagen im neuen Jahr für viele ein Aufregerthema, für Händler und Kunden gleichermaßen. Auch die Bäckerei Reinhardt in Knittlingen hat die Nase voll von den Papierbergen und hat die Belege kurzerhand an die Politik weitergeleitet.

Foto: dnw

Bäckerei sammelt Kassenbelege

Die Bäckerei Reinhardt in Knittlingen betreibt vier Filialen. Innerhalb von 17 Arbeitstagen kamen in diesen vier Filialen rund 20.500 Kassenbons zusammen. Umgerechnet entspricht das einer Papierlänge von etwa 4,5 Kilometern. Auf ein Jahr hochgerechnet würde diese Bäckerei also rund 85 Kilometer an Bons ausdrucken, das wäre mehr als die Entfernung zwischen Karlsruhe und Stuttgart – und dieser Betrieb ist damit nicht alleine. Gerade in Zeiten von "Fridays For Future" und Klimawandel ist dieses Gesetz für viele Kunden und Betriebe nicht nachvollziehbar. „Wir haben die Plastiktüten abgeschafft, die Plastiktrinkhalme abgeschafft und Mehrwegbecher eingeführt. Und jetzt bekommen wir von der Politik etwas aufgedrückt, sodass wir jetzt wieder mehr Müll produzieren. Wir müssen die Bons natürlich zuerst einmal kaufen, drucken sie aus und dann werfen wir sie wieder in den Abfall – das ist völliger Blödsinn“, sagt der Geschäftsführer der Bäckerei Martin Reinhardt am Freitag. Er ist gleichzeitig der Landesinnungsmeister für das Bäckerhandwerk und Obermeister der Bäckerinnung Nordschwarzwald.

"Da möchte kein Mensch einen Bon"

Reinhardts Einschätzung zufolge nimmt von 100 Kunden lediglich ein Kunde den Kassenbeleg mit, der Rest würde liegen gelassen und weggeworfen. „Da dreht es sich um eine Brezel die wird direkt gegessen da möchte kein Mensch einen Bon“, so Martin Reinhardt.  Das Kassenbon-Gesetz beinhaltet keine Bagatellgrenze, sodass tatsächlich auch für eine einzige Brezel ein Bon ausgedruckt werden muss. Doch dass soll sich – wenn es nach dem FDP-Politiker Prof. Dr. Erik Schweickert geht – schon bald ändern. Aus diesem Grund übergab der Landesinnungsmeister für das Bäckerhandwerk am Freitag die gesammelten 20.500 Kassenbons aus 17 Arbeitstagen an Schweickert. „Die Kassenbons nehme ich mit für die Sitzung des Wirtschaftsausschusses. Alleine das, was eine Bäckerei in einem halben Jahr an Bons druckt würde ausreichen, um den ganzen Landtag Baden-Württemberg darin einzuhüllen“, so der Politiker.

Gemeinsam packten Martin Reinhardt und FDP-Politiker Prof. Dr. Erik Schweickert die Bons ein. Foto: dnw

Änderungsantrag mit Bagatellgrenze

Am 22. Januar soll dort dann ein Änderungsantrag eingereicht werden. Dieser beinhaltet unter anderem eine Bagatellgrenze von zehn Euro. Das heißt, die Händler müssten bei Umsätzen von unter zehn Euro keinen Kassenbeleg mehr an den Kunden ausgeben. Dafür müsse allerdings sichergestellt werden, dass jeder Kassenvorgang unveränderbar durch eine technische Sicherungseinrichtung erfasst werde. Auch eine Ausnahmevorschrift für anonyme Massengeschäfte ist in dem Antrag enthalten. Martin Reinhardt freut sich über die Unterstützung aus der Politik: „Wir sind froh, dass sich ein Politiker einsetzt und dass er die Probleme vom Handwerk kennt und sich engagiert. Wir hoffen, dass es eine Bagatellgrenze geben wird. Wer einen Bon möchte, bekommt ihn dann trotzdem wenn er ihn will, auch für geringe Beträge.“

Klimaschutz vs. Unmengen an Kassenbons

Doch nicht nur für die Bäckereien ist die Bonpflicht ein kritisches Thema, das weiß auch Prof. Dr. Erik Schweickert. „Für eine Brezel für 85 Cent bekomme ich in der Bäckerei einen Bon, auf der anderen Seite soll ich aber meinen Kaffee-Mehrwegbecher mitbringen. Genauso betroffen sind aber auch Dönerbuden, Eisdielen, Volksfeste, Kioske, Imbisse,  wir können da im Prinzip jeden Betrieb, der Kleinumsätze macht, nennen.“  Er erhofft sich die im Antrag eingebrachte Bagatellgrenze. „Das Land und der Bund haben keinen Nachteil davon, es geht kein Steuergeld dadurch verloren aber der Verkäufer ist einfach aus der Pflicht raus, dem Kunden einen Bon mitgeben zu müssen. Vor allem weil die Kunden die Bons in der Regel sowieso liegen lassen, oder wegwerfen“, so der Politiker.

Das Auto war am Ende voll mit Kassenbons. Foto: dnw

Digitale Lösung?

Auch zu einer digitalen Lösung bei der Bonpflicht hat Schweikert eine klare Haltung. Man könne das theoretisch auch digital machen, dies sei aber nicht sehr sinnvoll. „Mit der Brezelbestellung muss man nicht gleich auch noch die E-Mail Adresse abgeben - Gerade in Zeiten der Datenschutzgrundverordnung. Man braucht es auch nicht. Wir haben Kassensysteme in Deutschland, da ist es mehr als Standard, dass jeder Buchungsvorgang - egal ob ich einen Beleg drucke oder nicht - erfasst wird. Es geht einfach nur darum, den Beleg ausdrucken und dem Kunden mitgeben zu müssen.  Das ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen und selbstverständlich muss auch in Zukunft jeder Verkauf gebucht werden. Der Staat braucht seine Steuereinnahmen und wir wollen auf garkeinen Fall irgendwelchen Steuerhinterziehern eine Möglichkeit bieten, aber es wird sowieso alles gebucht und man kann dem Ganzen auch ohne diese Belegpflicht nachkommen.“