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Schausteller in Karlsruhe beklagen Situation - viele Betriebe stehen wegen Corona vor dem Aus

Karlsruhe (lk) - Seit März hat es drastische Maßnahmen für unser tägliches Leben gegeben. Inzwischen kommen aber fast wöchentlich neue Lockerungen. Wir können wieder in Freizeitparks, ins Restaurant oder in die Schwimmbäder. Bars, Diskotheken und Volksfeste dürfen aber weiterhin nicht öffnen. Für die Schausteller in Karlsruhe ist die Lage bedrohlich - fast die gesamte Saison zieht ohne Einnahmen vorbei. Inzwischen stehen auch die Weihnachtsmärkte auf der Kippe.

Foto: Symbolbild/Pixabay

Kein Lichtblick in Sicht

Gebrannte Mandeln, rote Würste, Boxauto und Zuckerwatte - all das gehört zu Kirmes, Volksfest oder Jahrmarkt traditionell dazu. Doch wer weiß, ob es das künftig noch geben wird. Denn die Schausteller sind von der Corona-Pandemie hart getroffen. Während es bei vielen Veranstaltungen immer weitere Lockerungen gibt, tut sich für die Volksfeste nichts. Zunächst hatte es von der Politik geheißen, dass bis Mai keine Veranstaltungen möglich seien, danach wurden Events bis Ende August verboten, inzwischen werden die Schausteller bis Oktober ausgebremst. Geht es nach Ministerpräsident Winfried Kretschmann sollen Volksfeste in Baden-Württemberg sogar bis Ende des Jahres verboten werden. Susanne Filder, 1. Vorsitzende des Schaustellerverbands Karlsruhe sagt im Interview mit der neuen welle: "Am Anfang war uns klar, dass die Gesundheit aller an erster Stelle steht. Das war auch unsere Priorität. Aber so langsam kommt Unverständnis auf. Denn sämtliche Parks, die Gastronomie und Schwimmbäder haben wieder auf. Und wir stehen daheim - stillgelegt." Rund 80 Prozent der Schausteller könnte Corona das Genick brechen.

Karlsruher Mess´ist kein Oktoberfest

Die Schausteller rund um Karlsruhe fragen sich, warum gerade sie so sehr unter Corona leiden müssen. Schausteller Willy Krusig versteht im Interview mit der neuen welle die Welt nicht mehr: "Menschen sitzen nebeneinander im Flieger nach Malle. In Frankreich oder Italien, wo die Fallzahlen viel höher waren, geht das Leben normal weiter. In den anderen Bundesländern gibt es temporäre Freizeitparks. Ist das Virus nur in Baden-Württemberg oder nur bei uns Schaustellern aktiv?" Susanne Filder weiß, warum die Politik ihnen immer weiter Steine in den Weg legt: "Die gehen von einer gewissen Besucherzahl auf einem Volksfest aus. Beim Münchner Oktoberfest ist natürlich ein Tumult und es kommen Besucher aus der ganzen Welt. Aber damit können wir als Karlsruher oder Pforzheimer Mess´gar nicht verglichen werden. Wir haben ein ganz anderes Klientel. Wir sind ein Volksfest - das Volk ist bei uns aufgehoben und Familien sind bei uns präsent. Wir haben ja gar keine riesen Bierzelte."

Viele Schausteller stehen vor dem Aus

Für viele Schausteller scheint es gerade keinen Ausweg aus der Situation zu geben. Traditionsunternehmen stehen vor den Scherben ihrer Existenz. Der Betrieb von Susanne Filder bewegt sich gerade so an der Grenze: "Die Waffelbäckerei Filder wäre dieses Jahr 120 Jahre alt geworden. Wir haben Kriegszeiten hinter uns, den Opas und Omas ist das Geschäft zweimal zerbombt worden und trotzdem konnten sie den Betrieb irgendwie weiterführen. Aber das was gerade passiert im Land, das war noch niemals da. Ich arbeite mit meiner Familie, ich muss niemanden in Kurzarbeit schicken. Bei mir laufen auch keine Kredite. Aber andere Kollegen müssen noch das Geschäft oder Grundstücke abzahlen. Und das kommt alles ins Stocken und wirft uns bestimmt um zwei, drei Jahre zurück." Ähnlich sieht es bei Willy Krusig aus: "Ich habe acht Mitarbeiter, die sind jetzt in Kurzarbeit. Es ist nicht kurz vor zwölf - es ist schon nach zwölf!"

Weihnachtsmärkte auf der Kippe

Nach aktuellem Stand - also mit Wegfall der Jahrmärkte und Volksfeste bis zum Herbst - ist die gesamte Saison für die Schausteller eigentlich schon gelaufen. Zu allem Überfluss stehen dann auch noch die Weihnachts- und Christkindlesmärkte auf der Kippe. Susanne Filder ist sich sicher, dass das eine endgültige Pleite für viele Kollegen sein könnte: "Schausteller ist nicht nur unser Beruf - das ist unser Leben." Allerdings seien für die Weihnachtsmärkte auch schon Konzepte erarbeitet worden, so die Vorsitzende. Willy Krusig, der unter anderem die Glühweinpyramide und das Kinderland auf dem Christkindlesmarkt in Karlsruhe betreibt, erläutert: "Wir haben hier in Karlsruhe einen mit Zäunen umschlossenen Messplatz. Wir könnten Ein- und Ausgang kontrollieren. Desinfektionsspender haben wir in ausreichender Menge. Wir haben Handwaschbecken. Wir haben Logistik und Technik dafür. Und wir wollen endlich wieder arbeiten gehen."

Konzept wird in Berlin erarbeitet

Am Donnerstag ist Susanne Filder bei der Hauptvorstandssitzung des Deutschen Schaustellerbund in Berlin. Dort soll ein Konzept ausgearbeitet werden, wie die Branche wieder ins Rollen kommen kann. Außerdem wurde von mehreren Verbänden Klage auf Gleichheit eingereicht. Darunter auch von der Arge Baden-Württemberg, die sich für Schausteller in Karlsruhe, Pforzheim, Mannheim, Heidelberg und Stuttgart einsetzt. Auch Karlsruhe hat sich an der Klage beteiligt. Konkret geht es darin um die gleiche Behandlung von Schaustellern, Freizeitparks oder Gastronomie. Denn alle Konzepte liegen laut Filder und Krusig bereits vor.

Ausweichmöglichkeiten 

Einige Schausteller haben sich inzwischen vor Einkaufszentren, an Sportplätzen oder entlang von Wanderwegen platziert, um wenigstens wieder kleine Einnahmen erzielen zu können. Wirtschaftlich sei das aber bei Weitem nicht, so der Schaustellerverband Karlsruhe. Willy Krusig möchte ein kleines Dorf auf dem eigenen Grundstück in Eggenstein-Leopoldshafen eröffnen: "Da fehlt nur noch die gaststättenrechtliche Erlaubnis und die wird am Donnerstag im Ordnungsamt besprochen. Ich hoffe, dass das klappt und es ein bisschen läuft und wir wieder eine kleine Verdienstmöglichkeit bekommen." Und auch Susanne Filder hat noch einen Wunsch: "Ich möchte gerne die Unterstützung von meiner Stadt Karlsruhe. Dass wir irgendwo auf einem städtischen Platz einen temporären Freizeitpark gestalten können, damit wir wenigstens mal wieder raus kommen. Ob wir Geld verdienen wissen wir nicht, ist für uns aber momentan auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir wieder unser Leben aufnehmen können. Und da hab ich die Hoffnung, dass unsere Stadt uns unterstützt."