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Michael – Straßenbahnfahrer in Karlsruhe

Karlsruhe (cmk) Michael aus Linkenheim-Hochstetten arbeitet seit sieben Jahren als Straßenbahnfahrer bei der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG). Was er in seinem Beruf alles erlebt, erzählt er im Interview mit der neuen welle.

Foto: Schmidtgen

Sein erster tödlicher Straßenbahnunfall

Es war der 4. Oktober 2013 – also gerade am Anfang seiner Karriere als Straßenbahnfahrer in Karlsruhe – als Michael seinen ersten schrecklichen Unfall erlebte. Mit Todesfolge. Ein Mann geriet unter die Bahn, Michael musste aussteigen und nachschauen, was passiert war. „Das ist der schlimmste Moment“, erzählt er im Interview mit der neuen welle. „Ich habe den Mann vor der Bahn nicht mehr gesehen und dann muss man aussteigen. Dann schaut man natürlich erstmal wie es dem Mann geht, lebt er noch? Dann kamen Rettungswagen, Polizei und Feuerwehr, weil die Bahn angehoben werden musste.“ Doch der Straßenbahnfahrer steht in so einer Situation zum Glück nicht alleine da. „Wenn so ein Unfall passiert, dürfen wir nicht mehr weiterfahren. Wir haben ein Krisenmanagement – ein hervorragendes Krisenmanagement – die sich dann nur um den Fahrer kümmern. Da ist dann sofort eine Person da, die den Fahrer auf die Seite zieht, man muss selbst nichts mehr machen. 24 Stunden am Tag, die komplette Woche und im ganzen Jahr ist da immer jemand da“, so Michael.

Versuchter Suizid auf den Gleisen

Dass ein solches Krisenmanagement unheimlich wichtig ist, weiß der Bahnfahrer inzwischen selbst: „Ich muss auch sagen, der Unfall mit Todesfolge ist jetzt fast sieben Jahre her – ich weiß heute noch die Bahnnummer, die Uhrzeit, einfach alles. Ich habe es eigentlich verdrängt gehabt. Aber ich habe ein gut befreundetes Pärchen, sie haben Zwillinge, die am 4. Oktober Geburtstag haben. Das ist dann natürlich immer der Tag, wo ich dann an den Unfall denke.“ Nur wenige Monate später musste Michael wieder eine schreckliche Erfahrung machen. Ein Mann warf sich am 22. Februar 2014 in der Knielinger Allee in suizidaler Absicht vor seine Straßenbahn. „Gott sei Dank ‚nur‘ ein Versuch. Ich habe sehr schnell reagieren können und er war eigentlich zu blöd, um sich umzubringen. Er hatte das Bein mehrfach gebrochen aber ansonsten war er ok.“

Foto: Schmidtgen

Das erlebt Michael tagtäglich

Warum es so häufig zu schlimmen Unfällen mit Bahnen kommt? „Wegen dem Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer“, ist Michael überzeugt. „Alleine letzte Woche haben wir schon wieder drei Straßenbahnunfälle gehabt – mit Schwerverletzten und Leichtverletzten. Ich habe dann mal zwei Tage lang eine Strichliste gemacht, Fußgänger sind demnach 118 bei Rot über die Ampel gelaufen. Fahrradfahrer, die bei rot über die Ampel gefahren sind waren es 28 und Autos waren es 19. In der Fußgängerzone in der Karlsruher Kaiserstraße, was für uns ganz schlimm ist wenn die Leute zum Beispiel auf den Gleisen stürzen, weil wir meistens keine Möglichkeit haben zu bremsen, waren es 45“, zeigt der AVG-Mitarbeiter auf. 

Was verdient ein Straßenbahnfahrer eigentlich?

Doch natürlich gibt es auch erfreuliche Seiten an dem Beruf. So zum Beispiel das Gehalt. Wie Michael erzählt, liegt das Ausbildungsgehalt bei 2.625 Euro (Stand Januar 2020) und das Einstiegsgehalt im ersten Jahr bei 3.000 Euro – plus Prämien und Zuschlägen. Außerdem wurde er als „Eisenbahner mit Herz“ ausgezeichnet – für seinen tollen Einsatz, bei dem er einem Mann in Ettlingen das Leben gerettet hat. „Das hat mich am 24. Dezember 2018 unheimlich mitgenommen, es standen 30 Leute am Erbprinz zum Einsteigen, ein Mann saß auf dem Boden. Er hatte eine rote Jacke an und ein gepflegtes Aussehen. 20 Leute stiegen etwa aus, der Mann saß immer noch auf dem Boden. Ich habe das gesehen im Rückspiegel und gedacht‚ da stimmt doch etwas nicht‘. Ich habe den Schlüssel gezogen und bin hin gerannt, der Mann hatte einen Herzinfarkt.“

Senioren vor „Blondinchen“

Ob er zugibt, auch schon einmal losgefahren zu sein, obwohl noch jemand an die Haltestelle gelaufen ist? Diesen Moment hat wohl jeder schon einmal erlebt. „Ich habe zum Beispiel die Einstellung, wenn hier eine ältere Person kommt, die nicht schnell laufen kann, aber ich sehe sie bemüht sich, dann warte ich auch und nehme sie noch mit. Kommt jetzt da ein Blondinchen angelaufen, die meint nur weil sie hier mit dem Oberteil ein bisschen wippt, darf sie noch mit und kann beinahe schlafend herlaufen, dann hat sie Pech gehabt“, erzählt Michael offen und ehrlich.